Thadeusz

Es bleibt die Hoffnung auf ein Augenzwinkern

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Jörg Thadeusz
Jörg Thadeusz schreibt über eine Lesung des Historikers Niall Ferguson.

Jörg Thadeusz schreibt über eine Lesung des Historikers Niall Ferguson.

Foto: picture alliance/dpa/BM

Man darf das Schicksal nicht komplett ernst nehmen, findet unser Kolumnist Jörg Thadeusz.

Berlin. Veränderung ist möglich. Könnte doch sein, dass sich selbst in Berlin die große Klappe schließt, während sich für das Augenzwinkern ganz neue Möglichkeiten eröffnen. Am Mittwochabend hat es schon geklappt. Niall Ferguson fühlte sich von Berliner Hintersinn angezwinkert, weil er sein neues Buch „Doom“ (Verdammnis) in einem ehemaligen Krematorium vorstellen konnte. Der Mann ist ein Historiker-Weltstar. Überall gefragt und erwünscht. In der ehemaligen Trauerhalle in Wedding hilft er das 21. Internationale Literaturfestival Berlin auf die Welt zu bringen.

Wenn sein Buch in der kommenden Woche auf Deutsch erscheint, können auch bei uns alle nachlesen, was sich beispielsweise 1957 ereignete. Die asiatische Grippe brachte in diesem Jahr weltweit mehr als eine Million Menschen ums Leben. Lockdown gab es keinen. ‚Homeoffice‘ war technisch ausgeschlossen. Noch wichtiger: Die Einstellung war eine andere. Niall Ferguson schreibt von der „That’s life“-Mentalität, die es damals noch mehr gab. Also dem Schicksal nicht noch den Gefallen tun, es komplett ernst zu nehmen.

Professor Ferguson hält den Schlager „Rockin‘ Pneumonia and the Boogie Woogie Flu“ aus dem Jahr 57 für sehr tanzbar. Ein Mann wie Niall Ferguson gräbt uns einen Fluchttunnel unter der von deutschen Talkshow-Persönlichkeiten besetzten Zone der Einfalt. Karl Lauterbach betont gern, wie sehr er in Havard war. Ferguson geht immer wieder an den Weinschrank seiner atemberaubenden Bildung und macht uns zum Mitsüffeln eine historische Pulle auf.

Am Ende der Veranstaltung erklärt er noch, warum sein Heimatland Schottland das Afghanistan Europas war. Nur Krieg, überall Warlords. Bis es doch irgendwann blühte. Nach unzähligen deutschen Moralpredigten verliert plötzlich sogar der Horror am Hindukusch seine Bleischwere. Berlin muss mehr zwinkern. Damit die richtigen Leute zum Gedankenlüften vorbeikommen.