Thadeusz

Warum wir in der Corona-Krise alle das Gleiche machen

Die Pandemie regt offenbar nicht unsere Fantasie an. Deswegen machen wir alle das Gleiche, beobachtet Jörg Thadeusz.

Jörg Thadeusz.

Jörg Thadeusz.

Foto: Annette Koroll

Meine Oma sitzt wahrscheinlich am Tisch. Denn sie war Zeit ihres Lebens keine Tresenhockerin. Sie lässt sich da oben im Himmel einen Klaren bringen und lacht über uns hier unten. Über uns Jammerbacken. Hin und wieder fiel auf, dass meine Oma auch etwas anderes erlebt hatte als das Weingummi-Spielzeugauto-Paradies, in das sie mich immer einziehen ließ. An Silvester versteckte sie sich vor dem Feuerwerk im Badezimmer.

Die brandenburgische Stadt, in der meine Oma als junge Mutter lebte, war von Soldaten der Roten Armee gestürmt worden. Die schon lange mit dem Ziel gekämpft hatten, in Deutschland endlich Rache nehmen zu können. Meine Oma fuhr 700 Kilometer auf Güterzügen, um in Schleswig-Holstein den verletzten Soldaten zu finden, mit dem sie zwei Söhne hatte. Ich höre förmlich ihr Kichern, wenn ein Deutschlandfunk-Moderator unter unserem Pandemie-Schicksalsjoch ächzt.

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So schlimm, dass ich katholische Hilfe bräuchte, ist es noch nicht

Er fragt, wie die Menschen, die zu Hause bleiben müssen, „das nur alles aushalten sollen“. Die Frage stellt er einem katholischen Mönch, der in seinen Büchern Lebensfragen auf Kalendersprüche vereinfacht und sich ansonsten eine Dideldum-Welt mit Menschen in Hüttenschuhen zusammenfantasiert. Nein, so schlimm, dass ich katholische Hilfe bräuchte, ist es noch nicht. Mir hat sehr geholfen, als mir irgendwann der BSR-Mann per Handzeichen bedeutete, ich dürfe jetzt auf den Entsorgungshof einfahren. Nach 45 Minuten Wartezeit.

Die Pandemie regt offenbar nicht unsere Fantasie an. Deswegen machen wir alle das Gleiche und räumen unsere Keller auf. Oder wir bringen alle Regale an. Meine kann OBI leider erst schicken, wenn in Tokio im kommenden Jahr die Olympische Fackel entzündet wird. Meine Oma würde Tanzen empfehlen. Blieb ihre einzige vernehmbare Klage, wenn sie sich erinnerte: In Friedenszeiten hätte sie niemals einen Mann geheiratet, der nicht einmal einen einfachen Schieber aufs Parkett bringt.

Moderator Jörg Thadeusz schreibt jeden Sonnabend in der Berliner Morgenpost.