Thadeusz

Auf der Liegendzufahrt in den Sommer 59

Jörg Thadeusz ist auf der Suche nach den wahren Stars des Lebens.

Jörg Thadeusz.

Jörg Thadeusz.

Foto: Annette Koroll

Das Bier ist herb, in meiner westfälischen Heimat. Die Komplimente sind es manchmal auch. „Da geht sie hin. Lang und dürr, wie der Sommer 59“, schwärmte ein Mann über die aus dem Zimmer verschwindende Pflegerin. Sie hatte ihn ausflugsfertig gemacht, wir sollten ihn zur Bestrahlung fahren. Auf seinen Befehl stoppten wir auf dem Weg den Krankenwagen an einem Kiosk. Zigaretten kaufen. Hätte ich ihn gefragt: „Rauchen? Ist Ihnen noch zu helfen?“, hätte er wahrheitsgemäß mit Nein antworten müssen. Aber die unfassbar schöne Krankenpflegerin wurde in den folgenden Monaten unter seinem Kosenamen zu meinem Star.

Ich hoffte tagaus, tagein, der nächste Einsatz würde mich in ihr Krankenhaus führen. Vielleicht würde sie einfach draußen sitzen, an der Liegendzufahrt. Kann ein Ort romantischer klingen? Die Kollegen waren hilfsbereit. Bei Sichtungen benutzten sie monatelang unseren Feuerwehrfunk für ein getuscheltes „Achtung, Sommer 59“. Dabei wussten alle: Ich würde mich dumm anstellen. Schließlich war ich einer von ihnen. Wir alle sahen täglich schlimme Sachen und fassten die auch an. Waren aber alle nicht älter als 20. Also nur untereinander unter Riesen.

An einem zweiten Weihnachtstag schlich ich über ihre Station. Mittlerweile wusste ich, dass sie Sandra heißt. Sie stand im Dienstzimmer und sprach viel zu lange mit einem jungen Arzt. Als beide aus dem Zimmer waren, legte ich hastig die Pralinenschachtel mit einer Botschaft ab. Ich vertraute zu Recht auf das geschriebene Wort. Denn sie verabredete sich mit mir. Erzählte mir sogar, dass der Arzt alle Pralinen allein aufgegessen hatte. Unser Europa durchkreuzendes Roadmovie, das ich mir mit Sandra im Ford Granada meiner Eltern vorgestellt hatte, kam nicht zustande. Mittlerweile durfte ich viele berühmte Menschen befragen. Aber ich brauche keine Virus-Krise, um zu wissen, wo ich nach den echten Stars suchen muss.

Moderator Jörg Thadeusz schreibt jeden Sonnabend in der Berliner Morgenpost.