Thadeusz

Von korrekten rhetorischen Töpfchen und kiloweise Schminke

Jörg Thadeusz beobachtet eine junge Frau beim Schminken. Das bringt ihn ins Nachdenken - über das Gedenken.

Moderator Jörg Thadeusz schreibt jeden Sonnabend in der Berliner Morgenpost.

Moderator Jörg Thadeusz schreibt jeden Sonnabend in der Berliner Morgenpost.

Foto: Berliner Morgenpost

Berlin. Ich hätte doch was sagen müssen. Die junge Frau wartete mit mir am S-Bahnhof Potsdamer Platz, und sie besucht das völlig falsche Schmink-Tutorial im Netz. Sie hatte sich einzementiert, als müsse sie Brandwunden verbergen. Herausragend unnatürlich waren ihre künstlichen Wimpern. Ich musste an die Pinsel denken, mit dem sich die Innenseiten von Heizkörpern lackieren lassen.

Wäre ich also wegen der Schminkerei sowieso schon naseweis geworden, hätte ich auch gleich den ganzen Oberlehrer raushängen lassen können. „Du solltest dich mehr für Geschichte interessieren. Vor allem in diesen Tagen“, hätte ich mit dem mahnenden Tremolo sagen können, das wir öffentlich-rechtlichen Programmmacher so sicher drauf haben wie meine Lieblingsfußballer ihre Freistoß-Varianten.

Die junge Frau sollte sich einfach weiter um ihre Wimpern kümmern

Nehmen wir an, unter dieser ganzen Schminke hätte sich eines der nettesten Mädchen weit und breit verborgen, und nehmen wir dann noch an, alles hätte sich gar nicht in Berlin zugetragen. Stellen wir uns vor, sie wäre auf meinen Vorschlag eingegangen: Was denn dann? Geschichte statt Schminken, an den Gedenkentagen der Befreiung des Todeslagers Auschwitz. Wie soll die junge Frau diesen fürchterlichen Teil der Geschichte nachfühlen? Hilft es ihr, wenn ich sage, dass ich es immer noch nicht zusammenbekomme? Wie mein Opa gleichzeitig so liebenswürdig sein, sich aber auch für die Nazis den Hintern wegschießen lassen konnte?

Braucht die junge Frau wirklich noch die Ansprache eines weiteren seriösen deutschen Politikers, der irgendwas mit „Nie wieder“ sagt? Während mancher deutsche Linke mit anti-israelischen Terrororganisationen sympathisiert, und im benachbarten Brandenburg noch am 1. September 23,5 Prozent den Neonazi Kalbitz gewählt haben? Die junge Frau sollte sich einfach weiter um ihre Wimpern kümmern. Wir Älteren kennen die korrekten rhetorischen Töpfchen und schminken dieses Deutschland gedenkgerecht.

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