Thadeusz

Ein Unglück – und was die Geschichte dahinter sein könnte

Unser Kolumnist lässt seiner Fantasie freien Lauf. Ein Satz am Silvesterabend hätte beinahe eine Tragödie ausgelöst.

Foto: dpa/BM Montage

Ein 18-Jähriger hat in der ersten Nacht des neuen Jahres drei Stunden in einem Schornstein gesteckt. Mit freiem Oberkörper. Auch in Sachsen-Anhalt arbeiten Rettungskräfte, die wissen, was sie tun. Deswegen wurde der Mann gerettet.

Wie kam er in den Schornstein? Was war passiert? Wir wissen es nicht. Wie es sich für einen Kolumnisten gehört, spekuliere ich wild drauf los: Sie hatte von Anfang an ein schlechtes Gewissen. Am Silvestertag Schluss machen, ist das nicht zu gemein? Stefanie war seit Monaten klar, dass es so nicht weitergehen konnte. Jeden Freitag war sie mit „Fridays for Future“ marschiert. Auch für seine Zukunft. Die sie doch wohl nicht als zwei Brühwürfel in der von anderen angerichteten Klimasuppe verbringen wollten.

Lasse war nicht nur nicht mitgegangen. Sie hatte ihn dabei erwischt, wie er auf seinem Telefon auf Seiten von Autoherstellern unterwegs war. Für Stefanie ein weiteres Zeichen: Es passt nicht zwischen ihnen. Sie hat ihren Studienplatz schon. Im Herbst geht es los. Maschinenbau an der TU Cottbus, Schwerpunkt Solarverstromung. Lasse will erst mal chillen, sich dann an Kunstakademien bewerben.

Als er sie im April zum ersten Mal küsste, gefiel ihr das Träumerhafte an ihm noch. Im Oktober wurde er 18. Sie schenkte ihm, dass er sie malen durfte. Ihr war das eher unangenehm, aber er wollte es unbedingt. Das Bild brachte er am Silvesterabend mit. Stefanie wurde rot, so schön ist es geworden. An ihrem Entschluss änderte das nichts. Es musste Schluss sein.

Lasse hat es nicht gut aufgenommen. Weinte, trank hastig. An allem Weiteren war dann aber vor allem Stefanies Vater schuld. Der zermürbte die Familie vor dem Essen am 31. Dezember, wie jedes Jahr, mit seiner ganz eigenen Neujahrsansprache. Der Satz am Silvesterabend, der alles Weitere auslöste: „Egal, wie schlimm es noch wird: Wir dürfen den Kopf nicht in den Schornstein stecken.“