Kolumne

Gewalt: Es gibt einfach Dinge, die haben keine zwei Seiten

Es gibt immer mehr Fälle von häuslicher Gewalt. Ein Ereignis ist Jörg Thadeusz in Erinnerung geblieben.

Foto: pa/Montage BM

Jede Stunde wird eine Frau von ihrem Partner verletzt. Eine Zahl des Bundeskriminalamts, präsentiert von der Familienministerin Franziska Giffey am Tag der Internationalen Gewalt gegen Frauen. Als ich damals gemeinsam mit meiner Oma zu meiner Mutter ins Krankenhaus durfte, sah sie aus, als hätte sie sich gruselig kostümiert.

Die gebrochene Nase bandagiert. Brillenhämatom hießen ihre geschwollenen Augen, wie ich erst später im Leben als Rettungssanitäter lernte. Obwohl ich erst zehn Jahre alt war, ist mir in Erinnerung geblieben, wie beschämt sie war. Als wäre sie an dem, was ihr angetan worden war, auch nur ein bisschen schuld.

Jahre später, als jemand, der im roten Auto angefahren kommt, wenn 112 angerufen wurde, stand ich mit den Kollegen immer wieder vor verschlossenen Badezimmertüren. Dahinter die Frau, die nicht mehr wusste, wohin sie sonst flüchten könnte.

Der Drecksack, der das alles angerichtet hatte, begann dann meistens schon mit dem Barmen. Ging immer ganz schnell. Aus Gewalt ohne Bremse wurde grenzenloses Selbstmitleid. Warum wir ihn verstehen müssten. Sie würde ihn halt immer so auf die Palme bringen. Einer Frau mussten wir länger beruhigend zureden, damit sie uns die Tür öffnete.

Ihre und die Verletzungen ihres Kindes waren so schlimm, dass einem Kollegen von der Feuerwehr die Sicherungen durchbrannten. Es war eine Genugtuung, als der Schläger sofort zu Boden ging. Kaum dass er ein Gegenüber hatte, das ihm physisch gewachsen war.

Eine Freundin, die Jahre mit einem gewalttätigen Mann lebte, musste sich kürzlich von einer Mitarbeiterin des Berliner Jugendamtes anhören, alles habe natürlich immer zwei Seiten. Hat es nicht. Mein Vater wäre am Dienstag dieser Woche 75 Jahre alt geworden. Ich vermisse ihn sehr. Auch, weil wir uns einig waren, dass er damals etwas Unentschuldbares getan hat und sich dafür bis an sein Lebensende schämte.