Thadeusz

Wann Berlin so richtig zum Albtraum wird

Liebesdienste können ganz schon anstrengend sein, beobachtet unser Kolumnist Jörg Thadeusz.

Moderator Jörg Thadeusz schreibt jeden Sonnabend in der Berliner Morgenpost.

Moderator Jörg Thadeusz schreibt jeden Sonnabend in der Berliner Morgenpost.

Foto: Berliner Morgenpost

Berlin. Sie haben schon länger Besuch aus Detmold. Das „Toll, dass ihr da seid“-Gefühl welkt merklich. Zum Glück fällt Ihnen das Zeughaus-Museum als sehenswerter Ort ein. In der S-Bahn wird es schlimme Gewissheit: Sie haben vergessen, dass Marathon-Sonntag ist und sie möchten sofort weinen.

Ein Mensch, in den Sie sehr verliebt sind, möchte diesen „einen Schinken“ von dieser „einen Theke“ in der Feinschmecker-Etage des KaDeWe. Sie wissen, es ist Sonnabendvormittag, aber Sie halten für möglich, dass es auch mal nicht so voll sein könnte. Als Sie dort sind, ist alles wie immer, nur schlimmer. Alle dreieinhalb Millionen Berliner sind da. Sie möchten sofort weinen.

Es ist Dienstagmorgen, halb neun. Die U8 ist voll. Sie können auch die ganz kleinen Ziffern auf dem Telefondisplay des Studenten erkennen, der sich komplizierte Tabellen anguckt. Die Frau mit dem haselnussbraunen Jackett hat ein Parfüm neu und die richtige Dosis noch nicht raus. Bei der Einfahrt in den Bahnhof Moritzplatz sehen Sie eine Schulklasse auf dem Bahnsteig. Mindestens 20 Kinder. Alle nur so groß, dass sie sich noch davor fürchten für Geißlein gehalten und vom bösen Wolf geholt zu werden. Sie möchten rufen: Nein, Ihr passt hier nicht rein, Kinder werden zurückbleiben und was ist dann mit dem Wolf? Die Lehrerin der Kinder und ich, wir sind sehr unterschiedlich.

Sieht man sofort. Ich finde Fliegen toll und nicht beschämend. Ein Besuch beim Friseur ist für mich gut angelegtes, niemals rausgeschmissenes Geld. Sie sieht das genau andersrum. Aber sie manövriert souverän alle Kinder in den U-Bahn-Wagen. Als die Kinder keine Haltegriffe finden, ruft sie in die Gruppe: „Ihr könnt euch an mir festhalten“. Da möchte ich sie fragen, ob ich ihr am nächsten Sonnabend aus der Feinschmeckeretage im KaDeWe diesen „einen Tofu“ an dieser „einen Theke“ holen soll.