Thadeusz

Seit wann bestimmen Frustrierte die Geschichte?

Unser Kolumnist Jörg Thadeusz sagt, warum er sich die Einheit nicht vermiesen lässt.

Fall der Berliner Mauer: Menschen aus Ost- und West-Berlin auf die Mauer am Brandenburger Tor.

Fall der Berliner Mauer: Menschen aus Ost- und West-Berlin auf die Mauer am Brandenburger Tor.

Foto: Foto: Norbert Michalke / picture alliance / imageBROKER

Das ist alles nicht so einfach.

Sagt der Beamte, der den Reisepass verlängern soll. Die Frau an der Information des Autohauses, wo sich eigentlich eben schnell die Winterreifen aufziehen ließen. Was auf dem Entsorgungshof Strauchschnitt ist, und was nicht. Alles nicht so einfach. Eine deutsche Grunderkenntnis.

Wir könnten uns gehen lassen. Ende Oktober und Anfang November. Nicht einfach nur eine Kerze anzünden und zuhause bleiben. Sondern zu Einheitspartys gehen, auf denen alle in Bürgerrechtler-Pullovern kommen müssen. Entschlossen unvorteilhaft, wie damals. Eine Kim soll erzählen, wie sie den Antonio an „Einheit“ kennengelernt hat. So selbstverständlich, wie es Liebschaften gibt, die „an Karneval“, oder „nach der Weihnachtsfeier“ Tempo aufgenommen haben. Wo ist das Schmorgericht, das nach der Wiedervereinigung heißt? Der Cocktail „Mauerfall“ klingt schon nach Selbstvergessenheit, ehe er erfunden ist.

Das ist aber alles nicht so einfach, mit der Einheit.

Warum eigentlich nicht?

Zuerst einmal, weil sich Deutsche mit Deutschen vereinigt haben. Da kommt nicht automatisch Samba raus. Eher die deutsche Sambagruppe. Wo jeder für sich nach Selbsterkenntnis trommelt. Der Mund ein Strich, natürlich kein Lachen. Mit dem Blick auf dem Instrument, das Gesicht im günstigsten Fall hinter einem Haarvorhang verborgen.

So einfach darf man es sich nicht machen, sagen die immer gleichen Sorgenfurchen in den Talkshows und auf Gedenk-Podien. Dem angetrunkenen Redenschreiber fällt wieder nichts ein. Also schreibt er dem Politiker auf, man müsse einander besser zuhören und die Lebensleistung des anderen anerkennen. Achtung: Auch die der Ostdeutschen. So war es ja damals 1988 in der alten Bundesrepublik. Als mein westdeutscher Stiefvater arbeitslos wurde, kamen ständig westdeutsche Besucher, um ihm klarzumachen, wie sehr sie seine Lebensleistung trotzdem anerkennen. Hätten wir damals schon Kontakt zu Ost-Intellektuellen gehabt, wäre mir erklärt worden, mein Stiefvater würde diese Arbeitslosigkeit gar nicht wirklich erleben. Denn, so der Ost-Intellektuelle viele Jahre später auf einem Gedenk-Podium (!) in meine Richtung: Da ihr nicht in einer Diktatur aushalten musstet, kanntet ihr das echte Leben nur aus Medien. Mein Stiefvater war also in der Schwarzwaldklinik arbeitslos. Ohne es zu ahnen.

Alle weg. Alle abgeräumt. Ohne einen einzigen Fausthieb

Es ist alles nicht so einfach. Sondern so kompliziert, dass sich kürzlich eine 37-jährige Erfolgsfrau im Fernsehen darüber empörte, wie wenig ihr Identitätsbruch als Ost-Berlinerin wahrgenommen würde. Gemein, denn als Siebenjährige war ihr demnach schon klar, wie toll die Polikliniken sind. Wie sexuell befreit sich der DDR-Bürger immer die Klamotten vom Leib riss. Wie glücklich die Ost-Frauen waren, wenn sie 100 Prozent Berufstätigkeit mit 100 Prozent Haushalt kombinieren durften. Als ich dann noch im Vorwort eines Ost-Bürgermeisters mit Wessi-Hintergrund las, die jungen Ostdeutschen litten unter „ererbtem Schmerz“, wurde mir sehr einfach zumute: Kann es sein, dass wir sie nicht mehr alle haben? Das aber immerhin gemeinsam.

1995 führte mich ein junger Mann an einem See in Ruanda entlang. So idyllisch, dass die nächste Schlange, die sich in einem Baum zeigte, einen Apfel anbieten würde. An diesem Ort waren im Jahr zuvor 20.000 Menschen zu Tode massakriert worden. Wer das erleben musste, dem kann es so weh tun, dass es nicht in einer Generation heilt. Kann gut sein.

Aber wir? Woher soll denn der ganze Schmerz kommen? Natürlich gibt es den Schrat, der die sächsische Schweiz niemals verlassen hat und darüber so missmutig geworden ist, dass er heute die AfD wählt. Höchstwahrscheinlich wird ihn ein ZDF-Team aufspüren und mit kopfschüttelndem Mitgefühl zu seiner angeblichen Abgehängtheit befragen. Mit der Fußpflegerin in Castrop-Rauxel, der zu Ostdeutschland immer noch nur das Ampelmännchen einfällt, geht es genau so. Aber seit wann bestimmen die Frustrierten die Geschichte?

Wie ein Hippie, der sich den Sommer der Liebe 1967 nicht zu einem lieblosen Rumgekiffe runterreden lässt, gehört mir mein strahlender 9. November 1989. Zwei Jahre nach dem Abitur. Nach drei Jahren Geschichts-Leistungskurs, in dem es um blutrünstige Imperialisten wie den Briten Cecil Rhodes ging. Und natürlich die vielen entsetzlichen Menschenschinder im Deutschland des 20. Jahrhunderts. An geschichtsträchtigen Tagen in der Generation meines Opas setzten junge Menschen Stahlhelme auf, um sich anschließend den ganzen Kopf wegschießen zu lassen.

Wir hatten Sektflaschen in der Hand. Sahen neben dem schmucklosen Reichstag die Ü-Wagen der ausländischen Sender und dachten voller Stolz: Die sind wegen uns hier. Wegen uns Deutschen. Hier ist ein Regime abgeräumt worden, ohne dass irgendwer an einer Laterne hängt. Kein Dissident, den sie noch bekommen haben. Aber auch kein Stasi-Spitzel aus Rache. Leute, die auf Unbewaffnete an der Grenze schossen. Gestalten, die die Macht hatten einzusperren und zu misshandeln, wen und wann sie wollten. Begabungsfreie Büttel der Diktatur, die ihre Grenzpolizisten-Resopal-Kabinen vollpupsten. Alle weg. Alle abgeräumt. Ohne einen einzigen Fausthieb. Von Menschen, die sich zu Recht vor dem Staat DDR gefürchtet haben. Deren Freiheitsliebe aber stärker war als diese Angst. Und die am Ende gewonnen haben.

Greta Thunberg? Ich würde eher ein Fan-T-Shirt mit dem Konterfei von Ulrike Poppe tragen

Ganz toll, wie die 16-jährige Greta Thunberg auf ihre Sache aufmerksam macht. Ich würde eher ein Fan-T-Shirt mit dem Konterfei der Menschrechtserkämpferin Ulrike Poppe tragen. Die saß für ihre Überzeugungen nicht nur auf einer Karbon-Yacht auf dem Atlantik. Sondern in Hohenschönhausen im Knast. Die Bonzen, die sie dort einsperren ließen, sind heute nichts als bockige Rentner, die dummes Zeug brabbeln. Wie Egon Krenz. Frau Poppe und ihre Mitstreiter haben gewonnen. Wir anderen, in West und Ost, durften mitgewinnen. Aber es war ein Sieg. Nichts anderes.

Niemand muss mehr mit Schicksalstremolo mahnen, wir müssten von Ost nach West Brücken bauen. Wir haben nämlich längst Kinder miteinander. Der Bundespräsident könnte die Party starten und hinter seinem Rednerpult auf und ab springen. Dabei wie im Stadion skandieren: „Wer nicht hüpft, der ist ein Schweizer, hey, hey“. Den Schweizern geht es wirtschaftlich noch einen Tick besser als uns. Aber sie sprechen mindestens drei unterschiedliche Sprachen. Ohne jemanden zu haben, mit dem sie sich vereinheitlichen könnten. Als Barack Obama Präsident der USA wurde, hatten damit viele junge Afro-Amerikaner ein Rollenvorbild. Immer, wenn er sich hinter dieses Pult mit dem Präsidentensiegel stellte, war klar: Alles ist möglich.

Nein, wir haben keinen deutschen Obama. Wir haben mehr Vorbilder. 80 Millionen, die sich nur noch schwer in „Von hier“ und „Von dort“ teilen lassen. Selbst, wenn das manchen immer noch gut in den Kram passt. Seit 14 Jahren eine Bundeskanzlerin, die noch am 8. November 1989 nicht davon träumte, einmal die Richtlinienkompetenz für ganz Deutschland zu haben.

Letztlich möglich gemacht von Menschen, die unmöglich aussahen, untereinander unmöglich uneinig waren und sich etwas ganz und gar Unmögliches vorgenommen hatten. Es hat geklappt. Wir durften etwas miterleben, was sich noch über Generationen weitererzählen lässt. Zum Glück kein Märchen. Die Geschichte heißt „Alles ist möglich“ und sie ist einfach.

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