Thadeusz-Kolumne

Von geistigen Brandstiftern und Jagdszenen in Halle

Jörg Thadeusz schreibt über den "speichelsatten Eifer" von Rechtspopulisten und was dieser mit den Morden von Halle zu tun hat.

Trauer um die Opfer von Halle

Trauer um die Opfer von Halle

Foto: Reuters/BM Montage

Mein Opa hat die Weimarer Demokratie mit Fäusten verteidigt. Als Mitglied des sozialdemokratischen Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold prügelte er sich mit Nazis auf den Straßen seiner Heimatstadt Senftenberg. Später wurde er im Krieg dieser Nazis schwer verletzt. Mir ist nicht nach Prügelei zumute. Sondern nach Steinpilzen. Ich würde gerne das perfekte Rezept finden.

Seit dieser Mörder durch Halle zog, frage ich mich allerdings, was ich denn sonst noch bin. Außer Hobbykoch, Bahnbeschimpfer und Gartencenterfanatiker. Gibt es mich auch anders als in Zivil? Kann ich Verteidiger sein? Der Zentralratsvorsitzende der Juden in Deutschland, Josef Schuster, sagt, das politische Klima habe sich so verändert, dass es für Deutsche jüdischen Glaubens wieder bedrückend ist. Ich muss nicht lange nachdenken, um zu verstehen, was er meint.

Ich weiß, wer die Leute sind, die eine Atmosphäre erzeugen, in der sich Gescheiterte wie der 27-jährige Mörder in Halle ermuntert fühlen. Ich erinnere mich an den speichelsatten Eifer, mit dem AfD-Gauland nach der Bundestagswahl rief: „Wir werden sie jagen“. Tolle Jagdszenen in Halle, oder, Gauland? AfD-Weidel wettert im Bundestag gegen „Kopftuchmädchen“. Denn das pure Ressentiment ist für viele AfD-Anhänger vor allem geil. Wenn dann der nächste Lebensuntüchtige loszieht, um „Kopftuchmädchen“ abzuknallen, ist das vielleicht gar nicht so schlimm, oder, Weidel?

Björn Höcke aus Thüringen und Andreas Kalbitz aus Brandenburg sind für mich Neonazis. Soll man so nicht sagen, ermahnen wir uns gegenseitig in unseren journalistischen Salons. Doch. Lassen wir die Faust vorerst noch in der Tasche. Aber sind wir bitte wenigstens klar. Eine robuste Tür hat den Gottesdienstbesuchern in Halle das Leben gerettet. Könnte ich meinen Opa noch sprechen, würde er dieses beschämende Detail statt eines Steinpilz-Rezepts zum Thema machen.