Thadeusz

Warum ich weiter fliege - ohne jede Scham

Wir sollten uns nicht schämen zu fliegen. Die Realität in der Bahn ist die wahre Schande, schreibt Jörg Thadeusz.

Jörg Thadeusz hat kein schlechtes Gewissen beim Fliegen

Jörg Thadeusz hat kein schlechtes Gewissen beim Fliegen

Foto: Frank May/dpa; Annette Koroll (Montage)

Berlin. Durch gemeinsames Schämen sinkt die Welttemperatur um etwa 0,2 Grad im jährlichen Mittel. Hoffentlich. Sollte sich da nichts bewegen, in den Statistiken, weiß ich nicht, was die Scham soll, wenn sie nicht einmal schön kühlt. Scham für jedes Stück Fleisch. Für die Autofahrten. Womöglich noch in einem Auto, das richtig Spaß macht. Für jeden einzelnen Flug. Im täglichen Leben hilft schlechtes Gewissen nicht wirklich weiter.

Der Ehemann, der vor lauter innerem Druck seiner Frau die Nacht mit der Gerichtsvollzieherin gesteht, holt nur eine völlig Unbeteiligte ins Boot. Helfen tut es nicht.

Wenn sich einer schämen sollte, dann der Bahnchef

Wenn Schämen aber nun mal Mode ist, dann sollte Eisenbahnchef Richard Lutz im Boden versinken. Wegen des älteren Herren mit der Krücke. Der sich durch das Waschküchenwetter zum Bahnhof Spandau gequält hatte.

Um dort in einen Zug zu steigen, dem schon bei der Abfahrt sechs Wagen fehlten. Er verbrachte den Großteil der Fahrt mit zermürbtem Gesichtsausdruck dort, wo zwischen all den Stehenden noch Platz war: Vor der Toilette. Richard Lutz sollte sich für die ältere Dame schämen, die im selben Zug mit der Balance kämpfte. Im Speisewagen fand sie, natürlich stehend, keinen Griff zum Festhalten.

Ich stand neben ihr. Allerdings fahre ich so oft mit der Bahn, dass ich diese Erlebnisse eigentlich nicht mehr in die Zeitung schreibe. Denn all das ist so sehr die Regel, wie Herr Lutz sein Konzernchefgehalt bezieht. Beschämenderweise haben diesen Sommer viele Kollegen kommentiert, man müsse die Deutschen auf die Schiene zwingen, wenn sie „das Richtige“ nicht anders begreifen. Richtig wäre gewesen, den Herrn mit dem Stock und die durchgeschaukelte Dame in einem komfortablen SUV an ihr Ziel zu fahren. Ich fliege dieses Wochenende zu meiner Patentochter. Höchstwahrscheinlich auf dem Platz, für den ich bezahlt habe. Aber ganz sicher ohne jede Scham.