Thadeusz

Wenn Politiker plötzlich zu angenehmen Zeitgenossen werden

Bei persönlichen Begegnungen sind Jörg Thadeusz Politiker plötzlich sympatisch. Jetzt fragt er sich: Ist das krankhaft?

Jörg Thadeusz schreibt über persönliche Begegnungen mit Politikern.

Jörg Thadeusz schreibt über persönliche Begegnungen mit Politikern.

Foto: bm

Nicht mal auf die Gemeinheit Andersdenkender ist noch Verlass. Wir waren gleichzeitig jung. Wäre mir musikalisches Talent gegeben, hätte ich damals für die Weltverbesserung gesungen. Mit meinen begrenzten Möglichkeiten konnte ich mein Publikum nur in eine Art Wachkoma quatschen. Meine Schicksalsgefährten mussten meiner Vision einer ökologisch-sozialistischen Gesellschaft zwangsläufig auch anhängen. Bei Widerspruch hätte ich schließlich noch mehr geredet.

Der Mann, den ich am vergangenen Sonntag traf, gehörte schon in Jugendtagen zu den Allerallerschlimmsten. Markus Söder hat sich ein Franz-Josef-Strauß-Poster in sein Kinderzimmer gehängt. Als Ministerpräsident wünschte er, dass in allen bayrischen Amtsstuben ein Kruzifix vor sich hinkreuzt. Oder Söders Äußerungen zu Geflüchteten und den angeblich schutzlosen Grenzen Deutschlands: Immer findet dieser Mann in seinem Rhetorikgetriebe nur den Rückwärtsgang.

Was, wenn das was Chronisches ist?

Dachte ich. Ich hatte Gründe, ein Antisöderist zu sein. Und dann das. Wir sitzen auf einer Bühne. Vor uns 1000 Kirchentagsbesucher, die bei aller christlichen Nächstenliebe nicht sofort ein Herz mit „Markus“ in einen Baum ritzen würden. Plötzlich ist dieser Mann auf lockere Weise selbstbewusst, charmant und klug. Regelrecht angenehme Gesellschaft.

Was, wenn das bei mir was Chronisches ist? Habe ich mir die Antipathie entzündet und fiebre? Nach einer persönlichen Begegnung war ich schon Katja-Kipping-Enthusiast. Wird Renate Künast scharf im Ton, kann von Schokoladenseite nicht mehr die Rede sein. In allen anderen Situationen: Was für eine feine Frau. Jens Spahn hat große Buddy-Qualitäten, und mit Franziska Giffey würde ich sofort als Karaoke-Duett auftreten.

Machen Sie sich aber bitte erst Sorgen um mich, wenn ich Ihnen von einem Ayurveda-Urlaub mit Ralf Stegner schreibe.