Thadeusz

Was Otto von Lilienthal Berlin hinterlassen hat

Fliegen ist herrlich, findet Jörg Thadeusz. Doch sind aus Menschheitsträumen Discount-Reisen geworden.

Jörg Thadeusz liebt den Blick auf Berlin.

Jörg Thadeusz liebt den Blick auf Berlin.

Foto: BM/pa

Heute klingt es schon fast unanständig: Fliegen ist herrlich. Hinsetzen, anschnallen und Schub. Auf der Höhe des Terminalgebäudes des Regionalflughafens Tegel verlässt das Flugzeug den Boden. Drückt sich mit zuverlässiger Wucht über die Silhouette des plötzlich höchst attraktiven Berlins.

Da unten pumpen sich Feuerwehrleute nach den Unwettern den Buckel krumm. Verwaltungsmitarbeiter der Verkehrsbehörde lassen auch bei überspülten Hauptverkehrsstraßen den Finger in der Nase. Denen wegfliegen zu können – ein Spitzengefühl.

Hat in Berlin ein zugereister Berliner möglich gemacht. Wäre Otto Lilienthal in den 1890er-Jahren nicht mit seinen Flugmaschinen von einem selbst aufgeschütteten Hügel in Lichterfelde gesprungen, käme heute niemand in zwei Stunden zum Junggesellenabschied nach Mallorca. Otto konnte nicht ahnen, dass die Menschen der Zukunft aus einem Menschheitstraum vor allem Discount-Reisen machen würden. Oder sogar „Flugscham“ entwickeln, wie sie in Schweden von protestantischen Entbehrern empfunden wird.

Fliegen muss nicht sein

Wenn kein Mensch mehr fliegt, würden weltweit 2,2 Prozent weniger Kohlendioxid ausgestoßen. Bevor es soweit ist, noch mal das schmuddelige Bekenntnis: Es ist wunderbar. Wenn auf den Rattertafeln der Flughäfen in München oder Frankfurt die ganze Welt plötzlich um die Ecke liegt. Rio oder Bangkok, nach drei Spielfilmen bin ich da.

Ein A380-Pilot der Lufthansa hebt in etwa 20 Minuten 480 Tonnen Gewicht in eine Höhe von zehn Kilometern. Dabei geht er ein deutlich kleineres Risiko ein, als Lilienthal mit seinen letztlich tödlichen Sprüngen vom Berliner Flughügel. Was für eine menschengemachte Leistung! Oder die Perspektiven. Mein Opa hat die Alpen niemals von oben gesehen.

Es bleibt aber bloße Romantik. In einer Zeit, in der wir technischen Fortschritt endlich richtig einordnen, müssen wir Lilienthal heute zurufen: Fliegen muss nicht sein. Bleib am Boden, Otto.