Thadeusz

Ein Eis für den Soldaten, bevor er nach Afghanistan muss

Jörg Thadeusz über unterschiedliche Vorstellungen von soldatischer Männlichkeit und ein erinnerungswürdiges Treffen in der Eisdiele.

Jörg Thadeusz.

Jörg Thadeusz.

Foto: Annette Koroll

Ich würde von mir erwarten, dass mir in diesem schlimmen Boot wenigstens ein Scherzchen einfällt. Allerdings war ich schon einmal seekrank. Eine sehr unlustige Angelegenheit. Was die englischen, amerikanischen, australischen und neuseeländischen Soldaten am D-Day erlebten, war allerdings seekrank plus. Es ist einem kotzübel. Wenn das Landungsboot stoppt, wird aber nichts besser. Es warten Leute, die mit Maschinengewehren und Mörsergranaten auf einen schießen. Unter allerhöchster Lebensgefahr in schweren Klamotten durch kaltes Wasser waten.

Am 6. Juni 1944 sprangen junge Männer in der Normandie an Land, die bis dahin nur ein Bauernleben in Iowa kannten. Hier ein Installateur aus Brooklyn, dort ein Versicherungskaufmann aus Sheffield. Sie alle mussten so tapfer sein, wie es in meinem Leben niemals von mir abgefordert wurde. Viele waren nicht gut vorbereitet. Auch auf das nicht, was nach dem Strand folgte. Mehr als zwei Drittel der regulären alliierten Soldaten brachten es trotz Ausbildung nicht fertig, auf Menschen zu schießen. Sollten heute nazi-artige Unterdrücker bekämpft werden, wäre das selbstverständlich Thema bei Anne Will. Kevin Kühnert würde sagen, warum es nur einer überkommenen Vorstellung von Männlichkeit huldigt, wenn man Gewalt für irgendeine Lösung hält. Ein Klimakind wäre auch da. Denn Klimakinder müssen momentan immer dabei sitzen, sonst fehlt der Veranstaltung die Heiligkeit.

Deutlich seltener in Fernsehsendungen ist der Mann, den ich zufällig in einer Eisdiele traf. Ein hoher Offizier, der mit 1200 anderen deutschen Soldaten in Afghanistan nach wie vor Dienst tut. Für mich war es eine Kugel Joghurt-Kirsch von vielen, die in einem hoffentlich langen Sommer noch folgen werden. Für ihn war es ein Eis, bevor es wochenlang nichts mehr gibt. Nur den, wie er es nannte, Beginn der „Kampfsaison“ nach dem Ende des Ramadan.