Thadeusz

Wenn ein älterer Herr mit Pantoffeln auf der Avus spaziert

Die Geschichte von Herrn G, der mit Pantoffeln auf die Autobahn wollte, stimmt Jörg Thadeusz nachdenklich.

Jörg Thadeusz

Jörg Thadeusz

Foto: Annette Koroll

Herr G lebt. Aber es war knapp. Am Sonntagnachmittag wollte Herr G auf die Avus gehen. In Pantoffeln. Eine Berlinerin, die die Szene vom Fahrrad aus sah, hielt ihn ab. Der ältere Herr trug einen Anhänger um den Hals. Die Radfahrerin konnte das Altersheim der Wilmersdorfer Seniorenstiftung anrufen, in der Herr G untergebracht ist. Die Pflegerin fasste sich kurz. Sie könne sich nicht kümmern.

Die Radfahrerin möge die Polizei rufen. Herr G war unverletzt und unaggressiv. Ein Taxifahrer hätte sechs Kilometer weit fahren müssen. Die Wilmersdorfer Seniorenstiftung wirbt im Netz um Spenden. „Um Senioren in schwierigen Lebenssituationen unbürokratisch Hilfe leisten zu können“, dafür brauchen die Stiftungsleute Geld.

„Unbürokratisch“ ist für Bürokraten eine Herausforderung

Ich rufe den Leiter der Einrichtung drei Tage später an. „Unbürokratisch“ ist für Bürokraten eine echte Herausforderung. Die Radfahrerin habe richtig gehandelt, stellt der Mann fest. Als würde er mit einem ertüchtigenden Nicken eine Klassenarbeit zurückgeben. In seiner Welt der Vorgänge wird offenbar immer amtlich befunden, was richtig und was falsch ist. Nein, diesen Vorgang kennt er nicht. Die Büroadresse des Chefs ist identisch mit der Anschrift des Heims von Herrn G. Es ist keine geschlossene Einrichtung. Herr G muss nicht fliehen. Kann einfach raus gehen.

Altenpfleger werden nicht gut bezahlt

Altenpfleger werden nicht so gut bezahlt, wie sie bezahlt werden sollten. Ihr Job ist mindestens fordernd, oft auch überfordernd. Es gibt keinen Skandal. Nur einen unguten Einblick. Als ehemaliger Rettungssanitäter habe ich Bilder vor Augen. Von dem, was hätte passieren können. Andere Berliner haben der Radfahrerin Hilfe angeboten. Wollten sich um den Senioren kümmern, ganz und gar unbürokratisch. Ein Besucher einer Autoteile-Messe wartete gemeinsam mit der Retterin und dem verwirrten Spaziergänger auf die Streife. Es gab also auch Menschen, die sich über die gute Nachricht dieses Ereignisses gefreut haben: Herr G lebt.