Thadeusz

Tischtennis, oder: Wenn etwas Digitales nicht klappt

Gedanken von Kolumnist Jörg Thadeusz nach dem groß angelegten Datenklau.

Kolumnist Jörg Thadeusz

Kolumnist Jörg Thadeusz

Foto: Annette Koroll

Berlin. Mein Patensohn wird Ende Februar 19 Jahre alt. Ich sehe ihn mit anderen Augen. Denn der Mann, der uns die nachrichtenarme Zeit nach der Jahreswende mit seinem Datenklau vertrieben hat, ist auch erst 20. Er saß in seinem Kinderzimmer und „hackte“ öffentliche Menschen, die ihm auf die Nerven gefallen waren. Viele hatten ihre privaten Daten mit nicht ganz so intelligenten Kennwörtern wie „123456“ gesichert. Eine große Hilfe für den Digitalspion, der wahrscheinlich seine Waschprogramme immer noch von Mama bedienen lässt.

Die Tat bleibt eine Tat. Ich darf nicht beim Nachbarn eindringen und in seinem Poesiealbum lesen. Auch dann nicht, wenn ich dabei auf meinem Schreibtischstuhl sitzen bleibe. Aber bei aller zeitgemäßen Zuneigung zum Begriff „Trauma“: Die Opfer müssen sich wohl eine neue Handynummer zulegen, aber werden wahrscheinlich weiter einkaufen gehen können.

Es wäre schön, wenn der junge Mann nicht allzu schlimm bestraft würde. Seine Aktion hat gezeigt, was für eine Operette Mitglieder meiner Alterskohorte in dieser Hauptstadt aufführen, wenn ihnen die Orientierung abhandenkommt. Im Kaiserreich wurden Schwangere vor der Benutzung der Eisenbahn gewarnt. Die pure Wucht der Geschwindigkeit könnte das Kind unerwünscht früh herauspressen.

So ähnlich raunen Politiker, Amtsmenschen und Journalistenkollegen, die mit sehr analogem Tischtennis groß geworden sind, über Ungemach aus dem Netz. Ich weiß selbst um meine jämmerlichen Momente. Wenn etwas Digitales nicht klappt und ich mich am liebsten mit den Worten meiner Oma an einen jüngeren Menschen richten würde: „Da ist so was Komisches.“

Es ist beeindruckend, was sich ein 20-Jähriger heutzutage beibringen kann. Und das ganz allein zu Hause. Bei dem kein Polizist mit brennendem Benzin beworfen wurde. Nach bisherigem Stand hinterlassen wir den heute 20-Jährigen wahrscheinlich noch mehrere Situationen, zu denen ihnen sicherlich mehr einfällt, als wir uns vorstellen können.

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