Thadeusz

Erst nachdenken, dann ausrasten

Jörg Thadeusz plädiert für mehr Nervenstärke und Besonnenheit, gerade in öffentlichen Diskussionen.

Jörg Thadeusz

Jörg Thadeusz

Foto: Maurizio Gambarini

Es ist eine katastrophale Situation, wenn bei einem Verkehrsflugzeug direkt nach dem Start beide Triebwerke ausfallen. Was würden Sie machen, wenn Ihnen nach dem Start der Schub wegbricht, durfte ich schon mehrere Piloten fragen. Die Antwort war immer gleich überraschend: Ich würde meinen Sitz zurückschieben und mir überlegen, was mein nächster Schritt ist. Den Sitz zurückschieben, echt jetzt? Nervenstark sein. Besonnen sein. Ruhe bewahren. Die Piloten trainieren das und kommen damit zu einer bewunderungswürdigen Coolness. Warum ist es dann öffentlich viel populärer, ständig die Nerven zu verlieren?

Vor wenigen Tagen schrieb der Hamburger Journalistenkollege Oliver M. in einem sozialen Netzwerk über die designierte Bildungsministerin Anja Karliczek. Er schmähte die ihm unbekannte Frau so derbe, wie er es seinen Kindern hoffentlich verbieten würde. Der Mann ist ein studierter Großstadtbewohner. Wohlhabend. Gewiss nicht abgehängt. Oliver M. sieht trotzdem keinen Grund, warum er sich beherrschen sollte, wenn eine Politikerin etwas zu Werten sagt, was er inhaltlich nicht teilt.

Sie weiß Bescheid und lässt Volldampf ab

Oder Sawsan Chebli, Staatssekretärin des Landes Berlin für Bürgerschaftliches Engagement. Für dieses Amt hat sie sich wohl qualifiziert, weil sie gut im Ausrasten ist. Jetzt war es die Essener Tafel. Sie sah vor sich, wie Migranten bald im Bus hinten sitzen müssen. Oder in den Straßen verhungern. „Essen nur für Deutsche“, twitterte sie, es laufe ihr „eiskalt den Rücken runter“. Sawsan Chebli hatte selbstverständlich keine Lust, die mögliche Zwangslage zu bedenken, in der sich die ehrenamtlichen Tafel-Helfer befinden könnten. Sie weiß Bescheid und lässt Volldampf ab, was denn sonst?

Oliver M. und Sawsan Chebli verdienen ausreichend. Gut für die beiden, dass sie dafür ihr nervöses Gemüt nicht auch noch mit Verantwortung für andere Menschen belasten müssen. Aber gut für uns, wenn wir von Persönlichkeiten geflogen werden, die gern erwachsen sind.

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