Thadeusz

Mit Liebesgeschichten gegen die Enge der Zeit

Jörg Thadeusz über die „Me Too“-Debatte und den immer schmaleren Grat der Geschlechterbegegnung

Jörg Thadeusz

Jörg Thadeusz

Foto: Maurizio Gambarini

Manche Menschen verstehen wirklich nicht, was die Stunde geschlagen hat. Ein 62 Jahre alter Freund hat gestanden, dass er auf Eisenbahnfahrten Jane Austen liest. Denn er glaubt, er würde über das Werk „Stolz und Vorurteil“ gut mit Frauen ins Gespräch kommen. Klarer Fall: ein Übergriff. Denn mein Freund lädt die Frauen womöglich während des Gesprächs über Literatur auch noch zum Kaffee ein. Wenn das dann in der schwülen Atmosphäre eines IC-Bordbistros zu einem Stück Butterkuchen eskaliert, dann sehe ich schon eine Gruppe Frauen aus Protest Schwarz tragen. Ich werde mir allerdings an Jane Austen ein Beispiel nehmen. Sie hat gegen die Enge ihrer Zeit mit Liebesgeschichten angeschrieben. Kann man heute wieder machen.

Vielen ist der Grat, auf dem wir bei der Geschlechterbegegnung balancieren, noch nicht schmal genug. Kürzlich forderte eine Kolumnistin von „Spiegel Online“, es möge nur noch der Sex stattfinden, der mit Sicherheit schön ist. Eine Gastautorin der „FAZ“ wünschte sich, Männer sollten mehr so sein wie Peter Pan. Lieber nicht erwachsen werden. Denn sie käme mit halben Männern besser klar als mit ganzen. Als sich dann in dieser Woche 100 französische Frauen zu Wort meldeten, die die „Ich auch“-Bewegung problematisch finden, kommentierte das ein Redakteur namens Malte bei „Spiegel Online“. Vor allem Catherine Deneuve äußere sich am Thema vorbei, schrieb er. Es wird wirklich eng, oder? Dort die legendäre Schauspielerin, die sich schon 1971 an der Seite von Simone de Beauvoir für die Legalisierung der Abtreibung engagierte. Bei uns deutet der Malte die Wirklichkeit. Um damit einigen verbiesterten Generalgouvernanten ein treuer Diener zu sein.

„Sie ist so schön, dass ein Film, in dem sie spielt, auch ohne Geschichte auskommt“, hat François Truffaut über Catherine Deneuve gesagt. Zum Glück nicht im Jahr 2018. Denn da sitzt ein zum Mannsein bereiter Mann lieber in der Eisenbahn und denkt schweigend an Jane Austen.

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