Mein Tagebuch

Eine falsche Zarentochter und das erfundene Leuchtenberg-Geschlecht

Weltgeschichte war das Letzte, was die Berliner Ausflügler auf diesem Dorffriedhof erwarteten. Vor der Klosterwirtschaft von Seeon im Chiemgau hatten sie in der Herbstsonne gesessen und noch einmal das Erlebnis Obersalzberg beredet, das wie ein Widerhaken in ihnen steckte.

A. H. - wir Deutsche werden ihn nicht los. Auch sieht man wieder die Wahlplakate, die mit dem fatalen Schnurrbart verschmiert sind.

Tat vor der Heimfahrt ein bisschen Bewegung gut? Da hinten lugte ein kleiner Extra-Kirchturm durch die Linden. An der Mauer ein Grabstein mit dem russischen Kreuz. Was hatte der schräg gestellte Balken hier im tiefsten Bayern zu suchen? Wir traten näher und entdeckten eine ganze Grabanlage, deutsch und kyrillisch beschriftete Denksteine, alle den Herzögen von Leuchtenberg gewidmet. Wer waren die? Einer der wissbegierigen Berliner hatte sich in der Kirche einen kleinen Ortsführer gekauft und las uns vor. Und die paar Quadratmeter Friedhof wurden zum Schnittpunkt vergangener Weltgeschichte:

Josephine Beauharnais, Napoleons Geliebte und spätere Frau, brachte in die Ehe einen Sohn aus erster Ehe mit, Eugène. Sein Vater war unter der Guillotine gestorben. Napoleon adoptierte den jungen Mann; er wurde einer seiner Heerführer. Im Januar 1806, als Bayern von Napoleons Gnaden Königreich wurde, verheiratete der Korse seinen Stiefsohn zur Befestigung der Allianz an die bayerische Königstochter Auguste. Erstaunlicherweise wurde eine Liebesgeschichte daraus. Ein Jahrzehnt später war es aus mit Napoleon und der Schwiegersohn ein Sozialfall der Monarchie. Also erfand man 1817 den schönen Titel eines Herzogs von Leuchtenberg für ihn. 1824 ist er gestorben. Im ehemaligen Kloster Seeon lebten die Leuchtenbergs seit 1851. Die Familie machte Karriere, auf den Thronen von Schweden und Brasilien, und vor allem in Russland.

Während noch aus dem Heftchen vorgelesen wurde, sagte einer: "Schaut mal, da!" Und zeigte auf eine kleine Tafel in der Mauer. "Anastasia Manahan 1901-1984. Unser Herz ist unruhig, bis es ruht in Dir O Gott. Gottes Mühlen mahlen langsam, aber trefflich fein." Anastasia, die falsche Zarentochter aus Berlin, hier! Eine Dame erinnerte sich daran, dass Artur Brauner in den 50er-Jahren mit Lilli Palmer ein Anastasia-Melodram produziert hatte.

Aber warum sie hier liegt, die falsche Prinzessin, bei den echten, das finden wir wohl erst heraus, wenn wir wieder bei unseren Bücherregalen sind, morgen in Berlin!

Bis morgen

Ihr

Christoph Stölzl

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