Mein Tagebuch

Eine Italien-Reise: Mit Goethe über den Brenner

| Lesedauer: 2 Minuten
Christoph Stölzl

Abgereist nach dem Süden, die Großeltern-Ausgabe der "Italienischen Reise" Goethes im Gepäck. Sie ist in marmoriertes Kleisterpapier eingebunden und hat einen Lederrücken mit Goldprägung. Als ich sie erbte, in der Hoch-Zeit funktionalistischen Designs, war das der Gipfel des Altmodischen. Heute streicht die Hand liebevoll über dieses Denkmal vergangener Buchkultur.

Ähnlich ehrfürchtig wird man, wenn man die eigenen Reisenotizen mit den Beobachtungen vergleicht, die der Weimarer Groß-Geist gemacht hat. Das Genie des Schauens hatte in seiner Postkutsche natürlich viel Zeit, die Augen schweifen zu lassen. Aber das ist nicht der wirkliche Unterschied. Zwar kann man über einen Goethe auf der Autobahn nur spekulieren. Er hat den Tempo-Kult ahnungsvoll vorhergesehen als "veloziferisches" Unwesen: die Geschwindigkeit (velocitas) mit dem Luziferischen kombinierend.

Die Tiefenschärfe von Goethes Schauen funktioniert aber auch im flüchtigsten Augen-Blick. Auf den ersten paar Seiten seiner Reisebeschreibung kommt Goethe gerade einmal von München an den Gardasee. Seine Worte sind wie eine Cinemascope-Kamera, die jedes Landschaftsdetail liebevoll ergreift und in ein Panorama einordnet . Das erstaunlichste dabei ist, dass in solcher Schau das Wesen von Schauplätzen so gut getroffen ist, dass vieles heute noch stimmt.

Zum Beispiel verändern sich manche Ortscharaktere nie, mag auch die Zeit in ihrem Wandel wechselnde Kulissen auf- und abbauen. Wenn man sich mit dem Aufbruch in Berlin Zeit lässt, kommt man mit dem Auto etwa um die gleiche Stunde auf dem Brenner-Pass an wie Goethe vor 223 Jahren. Die europäische Einigung hat die früher existierenden Gebäude für Grenz- und Zollkontrollen verschwinden lassen. Schön waren sie nie. Sie waren ihres Zweckes wegen da, kein ästhetischer Sinn hatte bei ihrem Aufbau gewaltet. So oft man auch über den Brenner gefahren war, wie er eigentlich aussah, hätte man nicht gut zeichnen können. Ein Un-Ort. Goethe versuchte am 9.9.1786 die Situation zu skizzieren, aber es gelang im nicht, er "verfehlte den Charakter und ging verdrießlich nach Hause."

So weit, so ähnlich. Und auch was danach kommt, das sausende, ungeduldige Hinuntergleiten des Automobilisten in den Süden, hat seine Goethesche Entsprechung. Unfroh des Brenners, reist er noch am Abend weiter: "Die Postillons fuhren, dass einem Sehen und Hören verging, und so leid es mir tat, diese herrlichen Gegenden mit der entsetzlichen Schnelle...wie im Fluge zu durchreisen, so freuete es mich doch innerlich, dass ein günstiger Wind hinter mir herblies und mich meinen Wünschen zujagte."

Morgen mehr aus Italien.

Ihr

Christoph Stölzl

christoph.stoelzl@morgenpost.de