Berliner Tagebuch

Kanzler Kohl und die Kuppel - eine erstaunliche Erzählung im Linden-Café

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Christoph Stölzl

So sehen alte Kapitäne aus. Markantes Gesicht, straffes weißes Haar. Auch die Patrizier der Dürerzeit haben solche grundsoliden Züge. Beide Assoziationen haben etwas für sich.

Dr. Oscar Schneider, dem man seine 80 nicht ansieht, ist immer noch passionierter Segler. Und aus Nürnberg kommt er auch. Politisches Urgestein der Bundesrepublik, Parlamentarier von altem Schrot und Korn, Überzeugungspolitiker ohne "Leichen im Keller", verantwortlich für das staatliche Bauen in der Regierung Kohl in den 1980er Jahren. Und wohl der gebildetste Minister, den die Union je hatte. Oscar Schneider könnte über die Hintergründe der Bonner Politik sicher die aufregendsten Geschichten erzählen. Tut er aber nicht, denn er ist ein diskreter Mensch.

Heute saßen wir im Zeughaus-Café unter den Linden und redeten anlässlich des Axel-Springer-Jubiläums über politische Prophetie. Und da erzählte Schneider etwas über die Langzeitvisionen Helmut Kohls vor dem Schicksalsjahr 1989, das mir neu war: "Im Jahr 85 hat Helmut Kohl seinen Bauminister beauftragt, Gedanken darüber anzustellen, wie man den Reichstag umbauen könnte, damit er geeignet wäre, das gesamtdeutsche Parlament aufzunehmen."

Kohl und Schneider waren sich einig, dass dies nur als Geheimauftrag ginge: "Weil ja sonst alle immer sofort dagegen sind und ein Mords-Geschrei anfangen."

Oscar Schneider wählte den Kölner Baumeister Gottfried Böhm, der die kriegszerstörten romanischen Kirchen wiederaufgebaut hatte. Und er nannte eine Bedingung: Der Reichstag müsse wieder eine Kuppel bekommen. "Am 12. Oktober 1988 erschien Gottfried Böhm in Helmut Kohls Bonner Amtszimmer mit zwei Assistenten, die das fertige Modell trugen, eingewickelt in ein weißes Tuch." In der kleinen Runde war es dann Eberhard Diepgen, der skeptisch meinte, es werde kaum möglich sein, die Idee den Berlinern schmackhaft zu machen.

Das Modell verschwand im Archiv. Im Schicksalsjahr 1989/90 ging es um Visionen völlig anderer Dimension. Aber nach dem Hauptstadtbeschluss von 1991 kam die Kuppelfrage, nun gar nicht mehr geheim, zurück zu ihrem Urheber Oscar Schneider. Die Irrungen und Wirrungen des Bundestages über "Kuppel ja? Kuppel nein?" sind eine peinliche Geschichte. Mit der ganzen Autorität seiner humanistischen Bildung musste Schneider in der entscheidenden Abstimmung gegen die "Sünde wider den Geist der Geschichte" predigen, die dem Reichstag drohte.

Heute will niemand mehr zu denen gehören, die nicht immer schon die Einheit, und dazu die schöne Kuppel wollten. So sind eben die Menschen - im allgemeinen und die Politiker im Besonderen.

Bis morgen

Ihr

Christoph Stölzl

christoph.stoelzl@morgenpost.de