Berliner Tagebuch

Süß wie Karamell: Wenn Nachteulen auf der Kantstraße singen

Morgens um 4.30 Uhr sollen die Menschen schlafen, findet die Amsel, und geht partout nicht aus dem Weg. Es gibt viel für sie zu tun.

Das Gewitter hat weiße und rote Kastanienblüten heruntergeweht, es sieht aus wie nach einen Schneesturm und offenbar gibt es für Amseln da etwas zu essen.

Noch brennt das gelbe Licht der Gaslaternen. Im 19. Jahrhundert

hat die Nacht in ganz Europa diesen poetischen Schein gehabt, heute gibt es ihn fast nur noch in Berlin. Aber die Stadt, statt stolz zu sein auf diese Einzigartigkeit, ewig klamm, ewig hinter Sparzielen herhastend, ob sie im Großen und Ganzen Sinn machen oder nicht, hat irgendwelchen Sparfüchsen Glauben geschenkt und ist schon am Demontieren. Demnächst wird man den Zauber des Berliner Gaslichts nur noch auf den Gemälden von Lesser Ury sehen, dann ist es zu spät.

Noch nicht zu spät ist es, wenn man eine andere Nacht-Institution Berlins kennenlernen will, und das tue ich heute. Irgendwie habe ich immer schon gewusst, dass es in der Kantstrasse das "Schwarze Café" gibt für die, welche einfach nicht ins Bett wollen.

Über den Spitztürmen des Theaters des Westens färbt sich der Himmel jetzt rötlich und changiert unmerklich ins helle Blau. Und ganz oben, angestrahlt von der noch unsichtbaren Sonne, zieht ein lautloses Flugzeug seinen kilometerlangen Kondensstreifen hinter sich her. Es sieht herrlich aus, denke ich, und zugleich: das ist doch ökologisch unkorrekt, sich an so was zu freuen!

Auf dem Balkon über dem Eingang zum "Schwarzen Café" sitzen zwei Männer mit einer Frau. Sie singen nicht schön, aber fröhlich. Die Stimmen schwanken, die Nacht war lang und viele Gläser haben die drei offensichtlich schon geleert.

"Süß wie ein Karamell", tönt es. Ich rufe hinauf: "Wer ist so süß wie ein Karamell?" "Sie sind so süß wie ein Karamell", ruft die Blonde herunter. Ich rufe: "Danke! Das hört man selten um fünf Uhr früh! Es hat sich schon gelohnt, dass ich herkomme." "Es ist ein norwegisches Lied", lässt sich wieder die Blonde vernehmen. Aber dann beschließt sie abrupt, ins Berliner Liedgut zu wechseln: "Für dich soll's rote Rosen regnen..."

Drinnen im Café Höhlenstimmung. Ich gehe die Treppe hinauf zu den Norwegern. "Unsere norwegischen Frauen schlafen nie", sagt der eine Mann zu mir. Und dann muss ich das Lied lernen: "Mein schöner Bär, du bist so süß wie ein Karamell, wenn ich allein bin, sch-sch-machte ich nach Dir." Ich bin gelehrig, und verspreche im Gegenzug, die Nordmenschen - drei Ärzte - am Nachmittag durch die Stadt zu führen.

Aber angerufen haben sie dann doch nicht. Wahrscheinlich schlafen sie jetzt noch - das war auch nötig!

Bis morgen

Ihr

Christoph Stölzl

christoph.stoelzl@morgenpost.de

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