Berliner Tagebuch

Vom Scheitern des Gutgemeinten: 532 Entwürfe - aber kein Einheitsdenkmal

Wenn es nach dem genius loci der Jurysitzung gegangen wäre, hätte alles ganz anders geendet. Denn die "alte" Akademie der Künste im Hansaviertel ist ein Ort, der geradezu handgreiflich ausstrahlt, welcher Ästhetik ein "Einheits- und Freiheitsdenkmal" folgen müsste.

Wenn man vor dem Ensemble steht, und für ein paar Augenblicke nur alles still aufnimmt und auf sich wirken lässt, gewinnt man Einsichten über die "Kunst im öffentlichen Raum", die in Worten viele Seiten gelehrter Handbücher füllen würden. Backstein und Beton, Exaktheit und Irreguläres in friedlicher Nachbarschaft. Kompromisslos zeitgenössische Gestaltung und Erhabenheit sind kein naturgegebener Gegensatz, ist nur die Hand eines wirklichen Künstlers am Werk. Vor dem Gebäude, elegant in Beziehung gebracht zu den Sichtachsen, liegt Henry Moores "Liegende" von 1957. Nichts Monumentales, nur eben klassische Figur in wohl vertrauter Gebärde. Dem sinnenden Auge wird überdeutlich klar: Es gibt einfach keine bessere Würdeformel als die Kombination eines figürlichen Kunstwerks mit der Kraft der Abstraktion, die seit alters her Sache der Architektur ist. Hätte man die 532 Teilnehmer des offenen Wettbewerbs um das Einheitsdenkmal für eine halbe Stunde hierher bestellt und ihnen keine andere "Handreichung" gegeben als den Anblick des in sich ruhenden Ortes, sie hätten informierter ans Werk gehen können. Die Jury für das Denkmal tagte zwei Tage lang in der Akademie. Sie schaute zweimal der Projektion von 532 Entwürfen zu. Am Ende war sie verzweifelt und gab auf. Ich habe nur einen Teil gesehen und bin schon nach 200 Bildern mutlos geworden. Aber um die Gefühle von Jury-Mitgliedern geht es jetzt, wo der Wettbewerb gescheitert ist, nicht vordringlich. Wie soll es weitergehen? Die Politiker hatten es für eine gute Idee gehalten, an das ästhetische "Volksvermögen" zu appellieren und den Wettbewerb für alle zu öffnen, ohne jeden Qualifizierungsnachweis. Warum betreiben wir eigentlich Kunsthochschulen, wenn man auch ohne Ausbildung für fähig gehalten wird, schwierigste Gesamtkunstwerke zu schaffen? Im Entwurfsprogramm war alles eingepackt, Kunstwerk und Informationsort, Freiheit und Einheit von 1989/90, aber auch die von 1848 und anderes. Kein Wunder, dass die Teilnehmer zu alles und nichts sagenden Computer-Ornamenten griffen. Wie weiter? Der Freiheits-Mut der Revolutionäre von 1989 ist allemal Thema genug: "Wir sind das Volk!". Und "Wir sind ein Volk!" - nichts weiter. Wie man das macht? Freiheitsstatue, New York? Place de la Concorde, Paris? "Mall" in Washington? Ein Blick in die Kunstgeschichte der Demokratie kann nicht schaden.

Bis morgen

Ihr

Christoph Stölzl

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