Mein Tagebuch

Hartz IV und die Bergpredigt: Sorgt euch nicht um morgen

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Dicht besetzt ist das Auditorium in der Konrad-Adenauer-Stiftung. Wer zu spät kommt wie ich, nimmt den Mantel über den Arm und übt sich in der Statur eines Feldherrendenkmals. Lauter Menschen sind hier versammelt, die man auch ohne zu wissen, worum es heute geht, den sogenannten Sozialberufen zuordnen würde.

Wer sein Leben lang über die Nöte seiner Mitmenschen nachdenkt, in dessen Gesicht graben sich dann auch die Spuren der Sorge und Empathie.

Erzbischof Reinhard Marx spricht über das Für und Wider eines bedingungslosen Grundeinkommens. Seit alle so unzufrieden sind mit dem Paragrafendschungel von Hartz IV, lebt die alte Diskussion über einen radikalen Neuanfang in der Verteilung von Arbeit und Arbeitsertrag wieder auf. Ganze Milieus gibt es, die sich im Internet über das "Bürgergeld" austauschen. Wenn sie von dem Erzbischof eine Ermutigung erwarteten, wurden sie enttäuscht. Ich gestehe, dass mich nur die Erwartung auf ein überraschendes Plädoyer für das "ganz andere" hergelockt hatte. Den gordischen Knoten unserer Sozialstaatsblockaden zu lösen - wer wäre berufener als die Religion, die einer anderen Ratio verpflichtet ist als jener der Besitzstände? Bei Marx' Worten aber gingen meine Gedanken weniger zur Bergpredigt Christi als zum preußischen Staatsphilosophen Hegel. Der hatte bekanntlich gemeint, durch seine Arbeit definiere sich der Mensch. Dass die Teilhabechancen in vielen Lebensbereichen faktisch an die Erwerbsarbeit geknüpft seien und es daher ein Gebot der Gerechtigkeit sei, die Teilnahmechancen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern - wer stimmte dem Kirchenmann da nicht zu? Und genauso vertraut aus dem Mainstream der Podien, der Talkshows und familiären Küchentischpalaver ist die Warnung, Reform in der Gegenwart dürfe aber ja nicht durch erhöhte Staatsverschuldung auf Kosten der nächsten Generation geschehen.

Der Erzbischof, ein handfester Mann, ist wie wir alle, nämlich vorsichtig. "Die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens wäre ein Großversuch mit sehr schwer abschätzbaren Wirkungen".

Der Religionsstifter war vor 2000 Jahren weniger zögerlich. "Seht euch die Vögel des Himmels an: Sie säen nicht, sie ernten nicht und sammeln keine Vorräte in Scheunen; euer himmlischer Vater ernährt sie ... Lernt von den Lilien, die auf dem Feld wachsen: Sie arbeiten nicht und spinnen nicht ... Sorgt euch also nicht um morgen; denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen."

Bis morgen

Ihr

Christoph Stölzl

christoph.stoelzl@morgenpost.de