Mein Tagebuch

Besuch bei der lustigen Nackten in Georg Kolbes Museumsgarten

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Sonntagvormittag vor dem Eingang zum Georg-Kolbe-Museum. Das Auto muss man mutig in einer Schneeverwehung parken. Unter den Füßen knirscht der Schnee. Die Kinder, die den abschüssigen Gehsteig als Rodelbahn benützen, schreien wild: "Aus der Bahn!" Es ist der traditionelle Kampfesruf an unpassend anwesende Erwachsene.

Es mag ja Selbstbetrug sein, aber in solchen Momenten verfliegt aller Klimapessimismus, wie er in den Neujahrsansprachen ausgebreitet worden ist. Stattdessen kommt einem die Jahreszeitengarantie des Alten Testaments in den Sinn: "Solange die Erde steht, soll nicht aufhören ..."

Die grüne Tür ist verschlossen. "Bitte klingeln!", fordert ein handgeschriebener Zettel. Drinnen macht der Mann an der Kasse ein mitleidiges Gesicht und sagt zu mir: "Ganz schön frisch", weil ich ohne Mantel und Mütze aus der Kälte komme. Aber ich beruhige ihn: alles nur im Auto gelassen.

Der große Atelier-Raum ist hell vom Leuchten des Schnees draußen. Im Parkett ist noch die Eisenschiene erhalten, auf der man früher die schweren Skulpturen rollen konnte. Locker im Raum verteilt sind Menschenleiber aus Gips: Kniende und Stehende, Niedersinkende und Paare, die sich umarmen, freilich auf die keuscheste Weise.

Wer will, kann an der Wand historische Fotos anschauen, die Kolbe bei der Arbeit zeigen. Da steht er, das Haar sauber gescheitelt, angetan mit Brille und weißem Kittel, und wüssten wir es nicht besser, wir würden ihn für einen Mediziner halten. Er korrigiert etwas mit einem kleinen Spatel am Porträt des Chirurgen Sauerbruch.

In einer Zeit, in der die Geschichte übergenug an Destruktion und Chaos hervorbrachte, hat Kolbe eigensinnig am idealen Menschenbild festgehalten. Seine Figuren scheinen zu sagen, dass sie die Zeit nichts angeht. Macht dies die besondere Stimmung in diesem Raum? Die Besucher sprechen alle mit gesenkten Stimmen, als befänden sie sich in einem sakralen Ort. Ob hier jemals jemand lacht?

Den Humor liefert draußen im Garten der Schnee. Der Boden ist von den Spuren der Vögel und Katzen in ein Arte-Povera-Relief verwandelt. Und dort hinten steht eine Bronze-Nackte, auf den Schultern eine weiße Pelzstola aus Schnee, und auch auf dem Kopf eine "Pillbox", wie sie einst Jackie Kennedy trug. Die Hände hat die Figur zur antiken Grußgebärde ausgebreitet. Aber weil der Winter ihr zwei große Kugeln auf die Handflächen gezaubert hat, ist sie heute die "Göttin der Schneeballschlacht".

Bis morgen,

Ihr

Christoph Stölzl

christoph.stoelzl@morgenpost.de