Berliner Tagebuch

Mit Darwin und Knut durch den eiskalten Zoo

Darwin! Der runde Geburtstag am 12. Februar füllt jetzt schon alle Medien. Beim "Struggle for Life" gilt es, schneller zu sein als die anderen. Vielleicht ein Relikt aus der Epoche der Sammler und Jäger.

Dabei hat die Evolution, die Darwin als Grundgesetz allen Lebens auf der Erde herausfand, bis heute 350 Millionen Jahre gedauert, ganz ohne Eile.

An diesem eiskalten Sonntagvormittag im Berliner Zoo gilt es, Entbehrungen auszuhalten, um der Evolution zuzuschauen. Der Wind beißt ins Gesicht. Wehe dem, der leichtsinnig seine Handschuhe vergessen hat. Die Natur bestraft alle, die ihr Verhalten nicht zweckmäßig anpassen. Zu spät, ich bin schon auf dem Weg zu Knut. Die Anthropologie sagt, dass auch die Zivilisation, also das Entwickeln von Werkzeugen und Hilfsmitteln, zur menschlichen Evolution gehört. Vom Zoo aus sind ihre Zeichen zu sehen: Das Rattern der Züge vom Bahnhof und der Mercedes-Stern hoch über dem Europa-Center erinnern an das Rad.

Das Chemie-Logo von Bayer auf dem Nachbar-Hochhaus zeugt für die Fortschritte des Kräutersammelns. Und die zerstörte Gedächtniskirche mahnt, dass Evolution auch destruktive Kräfte freisetzen kann. Auf dem Weg zu Knut begegnen mir Mütter und Väter, die Kinderwagen schieben. Die Babys sitzen so, dass sie in die Gegend schauen müssen statt in die Gesichter ihrer Eltern. Jeder weiss, dass die frühkindliche Sozialisation über das Nachahmen der elterlichen Mimik erfolgt. Die Menschen müssen offenbar auch falsche Wege ausprobieren.

Wo ist Knut? Ich irre herum. Ein wesentlicher Schritt der Evolution war die Erfindung der Sprache aus dem Ritual von Frage und Antwort: Weitergabe nützlichen Wissen in der Horde. Ich lerne von einem Erfahrenerem: Einmal rechts, gleich hinter den Wölfen!

Und schon zeigt sich, dass ich jetzt richtig bin: Menschentrauben, umlagern Knuts Revier mit "Hoj" und "Hoh" und "Oh". Alle drängeln . "Ich möchte auch mal!"

Und nun geschieht das, was Darwin für den erstaunlichsten Schritt der menschlichen Evolution gehalten hat: Verzicht der Stärkeren auf ihre Durchsetzungsmacht um des besseren sozialen Klimas willen - das langfristig für das Überleben der Spezies wichtiger ist als alles andere: "Komm ,wir lassen jetzt mal die anderen ran." Knut wirft geschickt mit dem Maul einen zerbissenen Fussball ins Publikum. Immer wieder. Man kann sich nicht satt sehen an dem Hin und Her, das den Akteur und Zuschauer gleichermassen begeistert.

Die Ohren und Nasen frieren, meine Hände werden steif. Aber alles ist vergessen, weil das sympathischste aller Evolutions-Prinzipien am Werke ist : das Spiel.

Bis morgen

Ihr

Christoph Stölzl

christoph.stoelzl@morgenpost.de

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