Stilfrage

Einhorn-Tutu vs. Pilgervater-Look

Einem Kind im Einhorn-Tutu traut man einen Wutanfall im Supermarkt eher zu als einem Kind im Pilgervater-Look, sagt Cordula Schmitz.

Cordula Schmitz

Cordula Schmitz

Foto: Marcela Fae

Es sind die Farben, die einem zuerst ins Auge springen. Erdiges Ocker, Rote-Bete-Rot, verwaschenes Grau und das Weiß des Leinenstoffs – teure Mode, die Babys und Kleinkinder wie Leibeigene aus der Zeit der industriellen Revolution aussehen lassen. Allerdings hätte sich damals keines der armen Arbeiterkinder solche Kleidung leisten können. Teure Kindermode ist nicht wirklich ein neues Phänomen.

Marken wie Chloé, Marc Jacobs oder Dolce & Gabbana haben längst eine eigene Kollektion für die Kleinen und Kleinsten. Pelzbesetzte Mäntelchen sind dabei genauso zu haben wie Schuhe mit Strass, Glitzer und Absatz (!) für Neugeborene. Der neueste Trend bei der Kinderkollektion scheint nun aber so etwas wie eine Gegenbewegung zum Look für kleine Prinzen und Prinzessinnen zu sein. Der Arme-Leute-Kinder-Look erobert die Kleiderstangen.

Den Trend gesetzt hat eine Marke aus Barcelona, Little Creative Factory. Und auch dort sind die Preise für Kleidungsstücke, die oftmals nur Wochen von den Kindern getragen werden können, genauso hoch wie für den Glitzerkram. Allerdings muss man sagen, dass sich die schlichten Sachen unheimlich gut für Instagram-Posts eignen. Ein Merkmal, das heute fast genauso wichtig ist wie das frühere Kriterium, ob ein Kleidungsstück kratzt oder nicht. Vielleicht schwingt bei den Hosen, Blusen, Kniestrümpfen und Hauben auch die Hoffnung mit, dass sich die Kinder besser benehmen.

Einem Kind in einem Einhorn-Glitzer-Tutu traut man einen echten Wutanfall an der Supermarktkasse vermutlich eher zu als einem Kind im Pilgervater-Look. Im Lookbook der Spanier sieht man diese Fantasie von Kindern dann auch verträumt durch Wälder und über Wiesen wandern oder sie verharren in loftigen Fabrikhallen mit Blick in die Ferne. Kleine Eroberer als Gegenentwurf zur digitalisierten Welt, in die sie hineinwachsen.

Es bleibt wohl ein frommer Wunsch, dass die Kleidung auf das Verhalten der Kinder abfärbt. Einen Vorteil haben die Sachen allerdings: Aufgrund der Farbe fallen Möhrenbrei-Flecken einfach gar nicht auf. Immerhin.

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