Single Mom

Warum sich französische Kinder viel besser benehmen

Kinder in Frankreich verhalten sich meist vorbildlich. Eine Hochzeit dort ist für meine Kinder und mich daher eine Belastungsprobe.

Am Kindertisch funktionierte es plötzlich viel besser, sich gut zu benehmen.

Am Kindertisch funktionierte es plötzlich viel besser, sich gut zu benehmen.

Foto: Rosales / Werner

Berlin. Das Glas Apfelschorle kippt, obwohl ich es dreimal gesagt habe, es bitte wegzustellen. Der Sohn will vom Tisch aufstehen und reißt die Serviette und die Gabel mit. Die Tochter verkündet, dass sie jetzt gehen will. Dann bringt die Kellnerin Buntstifte und statt „Danke“ zu sagen, beginnt der Verteilungskampf.

„Das ist mein Grün.“ „Wo ist das Gelb? Maaama. Der Max rückt das Gelb nicht raus.“ Auf der gegenüberliegenden Seite des Tisches versuche ich die Szenerie zu ignorieren, mein Essen zu kauen, nicht die hysterische Mutter zu mimen, die keines ihrer Kinder im Griff hat. Dennoch schnell fertig zu werden, den Kellner für die Rechnung heranzuwinken und mit gesenktem Kopf das Restaurant wieder zu verlassen – in der Hoffnung, dass die Kellner unsere Gesichter bis nächstes Mal vergessen haben.

Französische Fünfjährige essen wie selbstverständlich Pastete

So ging es mir häufig im Frankreich-Urlaub, nur dass es dort noch ein bisschen schlimmer war als bei Restaurant-Besuchen hierzulande, denn siehe dort: Die Kinder in Restaurants benehmen sich tiptop. Sitzen am Tisch und essen mit fünf Jahren ihre Pastete, fragen, ob sie bitte noch einen Schluck Wasser trinken dürfen und ob es okay ist, wenn sie aufstehen.

Als Tochter einer französischen Mutter ist der Switch zwischen Kulturen daher oft ein Spießrutenlauf. Möchte ich mit meinen Kindern wie vergangenen Sommer in der Provence abends in eine Pizzeria, gehen wir davor immer dieselben für französische Eltern absurd klingenden Regeln durch:

Wir schreien nicht, wir streiten nicht, wir singen nicht am Tisch. Wir stehen nicht ohne Erlaubnis auf, wir sagen nicht, dass das Essen (das Mama bezahlen muss) eklig schmeckt, wir spucken es dann auch nicht in den Teller zurück (alles schon passiert) – und hoffen, dass der Abend einigermaßen smooth verläuft.

Für Frankreich nicht streng genug, für Deutschland zu fordernd

Wende ich allerdings dieselben Regeln bei einem Restaurant-Besuch in Deutschland an, knufft mich meine Freundin in die Seite. „Du bist so streng, wow! Es sind doch Kinder“ – und ich muss nachgeben. Unmöglich zwischen den Kulturen zu vermitteln.

In Frankreich bin ich für Außenstehende die Mutter, „die ihre Kinder nicht im Griff hat“, in Deutschland die Mama, die noch dem preußischen Gehorsam frönt. Eine ähnliche Beobachtung machte übrigens die US-Autorin Pamela Druckerman bereits im Jahre 2015 in ihrem weltweiten Bestseller „Warum französische Kinder keine Nervensägen sind“.

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Französische Kinder beim Essen wie Erwachsene behandelt

Sie erklärte darin, dass in Frankreich bereits Kindergartenkinder in staatlichen Krippen lernen, Blattsalate und Spinat zu essen, eine Serviette zu benutzen und die Menü-Abfolge samt Vorspeise, Hauptgang und Dessert kennen. Auch geht sie dem Phänomen auf den Grund, warum sich kleine Kinder in Frankreich zu Tisch besser benehmen.

Zunächst, weil es laut Druckerman in Frankreich keine Kinderkarten gibt. Heranwachsende würden sofort wie Erwachsene behandelt, die Tischkultur werde schon Kleinkindern zugemutet auf diesem Wege. Kurzum: Wer nie die Extrawurst bekommen hat, nimmt die Eltern zum Vorbild. Und: Gruppen-Dynamik steckt an.

Meine Kinder fühlten sich sonderbar ernst genommen

Letzteres durfte ich vergangene Woche auf der Hochzeit meines französischen Cousins beobachten. Die Feier fand auf einem Landgut an der belgischen Grenze statt, etwa 300 Gäste waren geladen. Und mitten in der festlich geschmückten Dinner-Halle stand – ebenso hübsch dekoriert – ein Kindertisch.

Und ich kann es mir nur so erklären, dass sich meine zwei Kinder an diesem Abend sonderbar ernst genommen fühlten, auf jeden Fall aßen sie ihr Käsesoufflé zum Feldsalat, ihre Pasta, ihren Fisch wie auch die anderen 20 Kinder als hätte es das Wort „Igitt“ nie gegeben.

Meine Tochter war ganz begeistert – es gab Cola

Danach putzten sie sich mit ihrer kleinen Serviette den Mund ab und gingen bis drei Uhr morgens Ballons jagen. Das ging ganz gut. Zu Beginn des Abends war nämlich meine fünfjährige Tochter zu mir an meinen Platz gerannt und hatte laut gerufen: „Mama, du wirst es nicht glauben, aber am Kindertisch hat man die Auswahl zwischen Orangensaft, Apfelsaft und COLA.“

In diesem Sinne. Andere Länder, andere Sitten.

• Nicht nur in der Kindererziehung können uns unsere Nachbarn etwas beibringen: Was wir von Französinnen über die Liebe lernen können.