Single Mom

Problem Kinderbildung: Der Sohn, der Krieg und die Kunst

Kinder haben heute komplexere Fragen als ihre Eltern damals. Die Auswahl an Büchern und Materialien reicht für den Wissensdurst nicht aus.

"Single Mom"

"Single Mom"

Foto: Königliche Museen d. Schönen Künste, Brüssel/Werner

Berlin. Am Anfang war es eine Mischung aus Überforderung und Stolz. Und außerdem fühlte ich mich geschmeichelt. Mein siebenjähriger Sohn hatte ein Hörspiel über das Reitervolk der Mongolen gehört – zufällig die B-Seite des „Was ist was“-Hörspiels zu Wildpferden. Und es schien, als hätte er die etwa 30-minütige Aufnahme auswendig gelernt: Wie Kinder so sind, konnte er einzelne Sätze originalgetreu wiedergeben, von Schlachtenverläufen, Kampfstrategien bis hin zu Alltagsritualen im Krieg.

So tranken die mongolischen Krieger zum Beispiel martialisch Milch mit Pferdeblut und stellten zum Schlafengehen Reiterattrappen auf ihre Pferde, sodass der Feind getäuscht wurde – ich hoffe, ich gebe das hier richtig wieder. Und zugegeben erfüllt jedes Körnchen Wissen, welches das eigene Kind absorbiert, die Mutter mit Glück – wenn es um das Thema Krieg geht aber auch mit Grusel.

Es ist kein gutes Gefühl, wenn der kleine Sohn im Spiel barbarische Schlachten rekonstruiert – nicht ohne Grund sind die Armeen von grünen Plastiksoldaten im Hunderterpack, die zu meiner Kindheit noch angesagt waren, nach und nach aus den Spielzeuggeschäften verschwunden. Andererseits ist Weltgeschichte Teil einer höheren Bildung, ohne Kenntnis über Kriegsgeschehnisse wären da sehr, sehr viele weiße Flecken in den Büchern.

Kinder und Kunst: Eitelkeit und ein ganz blödes Gefühl

Vergangene Woche blickte mich mein Sohn mitleidig an. „Du hast das doch studiert, bitte erzähl’s mir“, sagte er abends auf der Couch zu mir. Er kratzte an meiner Eitelkeit, und ich brach ein. Holte eines meiner alten Uni-Bücher, eines über Altertums- und Neuzeitgeschichte, aus dem Regal, ein so bildgewaltiges, dass plötzlich auch die fünfjährige Tochter „mitschauen“ wollte.

Wir blätterten zusammen durch und schauten plötzlich auf einen Abdruck des Gemäldes „Der Tod des Marat“, eines der berühmtesten Gemäldes der Französischen Revolution. Ich versuchte, schnell umzublättern, doch meine Kinder schauten wie gebannt auf das Bild. Mein Sohn legte schnell (von meinem Reflex gar nicht überrascht) seine Hand auf die Seite.

„Mama, ist der in der Badewanne gestorben“, fragte meine Tochter.

„Das ist doch klar“, sagte mein Sohn.

„Und das Wasser im Bad wird schon ganz rot“, sagte meine Tochter.

Ich bekam wiederum ein ganz blödes Gefühl.

Digitalisierung: Kinder wissen viel früher, was auf der Welt los ist – und war

„Ja, das ist jetzt genug, das ist noch nichts für Kinder“, antwortete ich entschlossen (natürlich viel zu spät) und schloss das Buch. Ich sagte diesen Satz und fühlte mich so schlecht. Wie sehr hatte ich diese Formulierung als Kind von meinen Eltern gehasst. Und ohnehin war die Büchse der Pandora nicht mehr zu schließen.

Beim Besuch bei den Großeltern informieren sich meine Kinder neuerdings über Napoleon, die Verwandten lesen meinem Sohn bereitwillig Wikipedia-Einträge zu Dschingis Khan auf dem Smartphone vor – und ich bin (zugegeben) überfordert und ratlos über Dritte. Denn die Zeit hat sich gewandelt – und vieles im internationalen Bildungssystem (nicht nur in Deutschland) trägt diesem Fakt nicht Rechnung.

Wusste ich vor meinem zehnten Lebensjahr nicht einmal, dass es Weltkriege gab, haben sogar schon Grundschulkinder durch Digitalisierung, Medienangebote, ja, alleine schon den tradierten Handykonsum von älteren Kindern auf dem Schulhof ein umfassendes Allgemeinwissen.

Indianer, Napoleon, Mayas – keine kindertauglichen Materialien

Tatsächlich aber geht der Buchmarkt ebenso wie Schulbücher gefühlt weiterhin von Kindern der Achtziger wie mir aus. So gibt es kaum Werke zu Geschichtsthemen für Grundschulkinder. Die Suche in der Buchhandlung oder Suchanfragen bei Amazon endet bei mir deshalb immer mit Frust. Zu den griechischen Sagen – nichts gut Bebildertes.

Kinderbücher zu den Mayas, der Napoleonischen Epoche, ja, sogar die Suche nach guten Indianerbüchern oder zu der Entdeckung Amerikas, der Geschichte Chinas und den Hunnen-Völkern endeten erfolglos. Alles zu viel Text, zu wenige Bilder – weil für Ältere gemacht.

Kinder sind heute reaktionsschneller, aufnahmefähiger, ja, sagen wir ruhig: klüger. Ihre Welt dreht sich schneller als unsere damals, aber darauf muss sich unser Bildungssystem erst einstellen. Bis dahin wird die Varus-Schlacht weiterhin relativ frei inszeniert bei uns im Wohnzimmer stattfinden – nachgestellt mit Pokemon-Figuren und Plüschtieren.

• Lust auf mehr „Single“-Mom-Kolumen? Caroline Rosales zum Thema Impfung, nein danke? Wie man mit Impfgegner umgehen sollte. Wenig hält sie von der Unsitte Elterndienst: Der beste Kuchen ist mit Hass gebacken.