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Frühkindliche Förderung? Ist am Ende auch fürs Eimerchen

Eltern investieren Zeit und Geld in Bildung für Kleinkinder bis zur Schule. Man kann es aber auch einfach lassen. Frühförderung? Müll!

Single Mom Kolumne Caroline Rosales

Single Mom Kolumne Caroline Rosales

Foto: Privat

Berlin.  Ich erinnere mich an den Tipp meiner Kinderärztin, da war mein Sohn noch ein Baby. Immer schön vorlesen, sagte sie, eine ältere Dame, die damals im Osten Berlins studiert hatte. Ach, damit könne man gar nicht früh genug anfangen. Bilderbücher zeigen, mit dem Finger an den Buchstaben entlangfahren, so würden Kinder später viel, viel schneller schreiben lernen.

Ich hörte ihr zu und nickte, während ich meinen Sohn nach der Untersuchung wieder anzog. Body, Hose, Wollpullover, die Söckchen, schnell, schnell. Der nächste Patient wartete immer schon. Bei ihr musste es immer „Zack, Zack“ gehen.

Vorlesen – oder es zumindest versuchen

Ich merkte mir: VORLESEN. Und das war ja auch, was ich wollte, als damals 28-jährige Mutter. Also jetzt kein hochintelligentes Kind, aber auch keines, das so weit hinter den anderen hinterherhinkt, dass es dann in der Grundschule heißt, die Mutti habe alles falsch gemacht.

Also fing ich an, meinem damals sechs Monate alten Sohn vorzulesen. In der Theorie jedenfalls. Vielmehr schauten wir das Buch einfach durch. Machten Tiergeräusche nach, streichelten über sogenannte Fühlseiten, auf denen Stoff und Plüsch aufgeklebt waren. Ganz wichtig für den Tastsinn. Fördert die Intelligenz.

Mit einem Jahr zum bilingualen Musikkurs

Mit einem Jahr ging es dann in den bilingualen Musikkurs unweit von unserem Haus entfernt. Dort saß ein Dutzend Mütter juchzend und singend (manche mit Neugeborenem im Arm) und trällerten ihr Kleinkind voll.

Die Lieder waren gar nicht schlecht, ein bisschen rockte es sogar, und so sangen wir alle aus vollem Hals und purer Lebensfreude mit. Ergänzend gab es sogar die Lieder-CD für zu Hause, die ich dann gemäß der Anweisung der Lehrerin aka Gitarren-Antje abends vor dem Schlafengehen noch einmal abspielte.

Beim zweiten Kind lief alles anders

Heute ist mein Sohn nun sieben Jahre alt. Er geht in die erste Klasse, malt, singt, spielt Klavier, so dass es für mein Gewissen und mich einfach wäre, zu behaupten, dass die 70 Euro monatlich für die Früherziehung gut angelegt waren. Ich würde das auch bis heute mit Nachdruck jedem erzählen, den es nicht interessiert, hätte ich nicht meine Tochter kennengelernt.

Sie kam zwei Jahre nach ihrem Bruder zur Welt und ist ein typisches zweites Kind. Sie trug die Kleidung ihres Bruders auf, bis sie sich mit drei Jahren weigerte und Röcke forderte. Für sie desinfizierte ich keinen einzigen Schnuller, kochte keinen einzigen Brei.

Ganz neue Kriterien – und nicht unbedingt strengere

Stattdessen lernten sie und ich bis zu ihrem dritten Lebensjahr von einem Teller zu essen. Mit ihr ging ich nicht mehr zum bilingualen Sing-Spaß, maximal in den Supermarkt oder auch mal zu einem beruflichen Termin.

Sie ging wesentlich früher in einen Kindergarten, einen, der hauptsächlich das Kriterium „Da war ein Platz frei“ erfüllte. Anders als bei ihrem Bruder führte ich keine Bewerbungsgespräche bei privaten Kitas. Die Zeit drängte, ich musste/wollte zurück in den Job.

So wirklich alles falsch gemacht. Oder?

Bei ihr, so dachte ich lange, hatte ich alles, aber wirklich alles vernachlässigt oder falsch gemacht. Bis mich ihre Musiklehrerin aus dem Kindergarten eines Tages anrief. Es funktioniere nicht mit ihr, sie müsse ab nächste Woche als Dreijährige in die Gruppe der Fünfjährigen.

Mir fiel fast das Handy aus der Hand. Mein Kind wird hochgestuft, quasi befördert? Am liebsten hätte ich meinen Mutterstolz in die Welt herausgeschrien, ich sagte aber nur leise ins Telefon: „Ah, okay.“

Frühförderung ist dann doch: großer Müll

Und meine Tochter, sie blieb auf der Überholspur. „Das Kind sollte zur Schule gehen“, befand die Amtsärztin bei der Pflichtuntersuchung über meine heute Fünfjährige vergangene Woche. Ich nickte nur. Und dachte so bei mir noch im Untersuchungszimmer, was für ein großer Müll Frühförderung ist.

Jedes Kind geht ganz ohne seine Eltern geistig seinen Weg. Die einen gemütlich, die anderen schneller. Und Eltern können höchstens Geld sparen.

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