Single Mom

Für die AfD gibt es „gute“ und „schlechte“ Alleinerziehende

Seit meiner Kolumne über rechte Wähler bekomme ich viel Post. Heute erkläre ich, warum man sich das AfD-Programm mal angucken sollte.

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Berlin.  Nun ist es genau drei Wochen her, dass ich an dieser Stelle über meinen Wohnort Pankow geschrieben habe, insbesondere den Ortsteil Blankenfelde, in dem – das offenbarte die letzte Bundestagswahl – fast jeder Dritte die Rechte, sprich, die AfD, gewählt hat. Ich erklärte, warum ich mein ältestes Kind, meinen Sohn, auf eine Privatschule gegeben habe. Eine Einrichtung, von der ich seit dem Tag der offenen Tür schon wusste: Hier gehen internationale Familien, die auf Offenheit und Bildung Wert legen, ein und aus, hier herrschen keine (oder kaum) Rollenklischees von Mädchen und Jungs. Keiner wird hier „Deutschland, den Deutschen“ raunen, wie ich es leider einmal auf einem Kindergartenfest erleben musste. Und nur am Rande: Ich bin nicht alleine mit meiner Haltung.

Meine Nachbarn haben ein Banner am Haus hängen, darauf steht: „Besser Fluglärm als Nazis“. Gemeinsam protestierten wir auch im Mai gegen das Volksfest der AfD im Bezirk. Aber glücklicherweise war da nicht viel zu protestieren – weniger als drei Dutzend Leute tummelten sich damals um die Hüpfburg. Und nur zur Erinnerung in diesem Zusammenhang: Die AfD ließ die Chance stets verstreichen, sich von rechtsradikalen Positionen klar zu distanzieren.

Die Hälfte der Post ist beleidigend

Die Kolumne, in der ich über all das schrieb, ist also drei Wochen her, und noch immer bekomme ich viel Post. Vieles, ich würde sagen mehr als die Hälfte, ist beleidigender Natur, Trolls aus dem Internet, die nicht verstehen, dass so manche verbale Entgleisung auch strafrechtlich relevant sein kann. Die andere Hälfte will dann aber glücklicherweise mehr zu meiner Entscheidung und zu meinem Wohnort wissen. Politiker aus dem Bezirk schrieben mich an, Aktionsbündnisse, Kollegen, Verbände.

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Das alles zeigt mir, dass es einige gibt, die mein Unwohlsein teilen. In meinem Fall als Alleinerziehende lassen sich die Gründe für dieses „Unwohlsein“ zum Beispiel schon im Parteiprogramm der AfD aus dem Jahr 2017 ablesen. Darin heißt es, dass Alleinerziehende nur dann soziale Unterstützung erhalten, wenn sie „unverschuldet“ alleinerziehend sind. Hier wird also eine moralische Bewertung vorgenommen, zwischen „guten“ und „schlechten“ Alleinerziehenden unterschieden.

Mein Brunch mit dem AfD-Mitglied

Und unlängst hatte ich sogar die Gelegenheit, mit einem AfD-Mitglied zu sprechen, ein Bekannter brachte mich (unfreiwillig) mit ihm zusammen.

Ich war zu einem privaten Brunch eingeladen, als mein Tischnachbar sich als jemand vorstellte, „der auch mal Journalist war“. „Aha“, sagte ich. „Und was machen Sie jetzt?“ „Politik“, antwortete er kurz. Und dann folgte eine Pause. „Aha“, gab ich zurück, „und bei welcher Partei?“ „Bei der AfD“, erklärte er. Ich nickte. Er schien sich zu genieren, und auch ich war in dieser privaten Situation etwas überrumpelt. Jedenfalls redeten wir miteinander, was aus Gründen der Höflichkeit auch gar nicht anders ging – wir waren ja Tischnachbarn.

Wir sprachen über Alleinerziehende. „Ja“, lamentierte er, da gebe es ja Werte. Das traditionelle Familienbild und so. Dass er selbst von der Mutter seiner Kinder – ich nehme an, freiwillig – geschieden ist, ließ er als Argument dabei nicht gelten. „Und wenn Männer sich scheiden lassen, bekommen diese dann keine gesetzliche Rente?“, fragte ich nach. „Ja, das sei ja wieder etwas ganz anderes“, befand er. Dann resümierte er, man müsse über alles reden, das seien ja erst mal Vorschläge. „Aha“, sagte ich.

Am Ende, so dachte ich dann noch, als ich mit meinen Kindern vom Brunch nach Hause fuhr, ist das mit diesen Überzeugungen, diesen „Vorschlägen“, eine Sache, die sich selbst auflöst, sobald man sich ihr nähert und sie kritisch betrachtet. Wie schon beim AfD-Volksfest in meinem Bezirk. Wie auch im direkten Gespräch, in beleidigenden Mails. Auf einmal sind da doch keine Massen. Keine sachlichen Argumente. Und keine konsistenten Meinungen.