Single Mom

Einen gierigen Vermieter frisst die Single Mom zum Frühstück

Mein Haus wurde an einen Fonds verkauft. Doch mit der Wut einer alleinerziehenden Mutter haben sie nicht gerechnet.

Caroline Rosales hat sich gegen eine Mieterhöhung gewehrt - erfolgreich

Caroline Rosales hat sich gegen eine Mieterhöhung gewehrt - erfolgreich

Foto: dpa/ Montage: BM

An alle Menschen, die sich über die steigenden Mieten in Berlin beschweren, meine betroffenen Freunde und auch meine lieben unbekannten Mitbürger dieser Stadt, ich möchte mich bei Euch und Ihnen entschuldigen.

Dafür, dass ich Ihrem Ärger nicht genug Gehör geschenkt habe, dass ich Ihre Wut nicht für angemessen hielt. Aber ich kann Ihnen versichern: Heute bin ich klüger – und bereit, für die Eskalation. Sie müssen mir verzeihen, es ist nämlich gar nicht so lange her, da herrschte in dem Haus, wo ich wohne, Frieden und Glück. Ein Mehrfamilienhaus, einst mit freundlichem Eigentümer.

Wir, rund 20 Mietparteien, sanierten unsere Wohnungen zu großen Teilen selbst und hatten das Gefühl, etwas zurückzugeben: Verschönerungsmaßnahmen als Dank für eine sehr faire Miete, für das gute Miteinander innerhalb der Hausgemeinschaft inklusive Suppenessen im Winter, Feuerschale im Garten.

Und nicht zuletzt die Verschenke-Ecke im Treppenhaus. Da wo Stofftiere, Kinderklamotten, Modeschmuck und geschmacklose alte Teekannen auf einen neuen Besitzer warteten. Und in meinem Haus gibt es viele alleinerziehende Mütter und hinter jeder Tür ein freundliches Gesicht. Aber Sie ahnen den Bruch – die Wende vollzog sich Anfang des Jahres. Ein neuer Eigentümer, nicht einmal ein Mensch, ein Fonds aus Luxemburg, der unser Haus gerüchteweise in Wohneinheiten zerstückeln und verkaufen will, kam, und der Ton änderte sich über Nacht.

Seitdem bekommen wir Familien viele Briefe. Erst kam die Erfassung der Kellerräume, dann die Mieterhöhung, dann die Mitteilung, man solle doch Kinderwagen (bei über 20 Kindern im Haus!) künftig in der Wohnung lagern und besagte Verschenke-Ecke auflösen.

"Die paar Muttis kriegen wir schon raus"

Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, dass bei dem neuen Eigentümer alles unter der internen Ansage läuft: "Die paar Hippies, die paar Muttis kriegen wir schon raus." Doch die arme Hausverwaltung (in Google-Rezensionen ist das Unternehmen als "Horror" beschrieben), wie konnten sie nur so viel Pech beim Denken haben? Wussten sie noch nicht, dass ausgerechnet "alleinerziehende" Mütter aus der inneren Logik des Wortes heraus sich durch Resilienz und Unerschrockenheit in der Auseinandersetzung auszeichnen?

War niemandem klar, dass wer seine Steuererklärung macht, den Beruf schultert, den Haushalt UND seine Kinder großzieht, gerade noch mit einem Briefwechsel zurechtkommt? Ach ja und richtig: Dann sind wir Mütter untereinander ja auch so schrecklich geschwätzig. Und das ist gut. Nur zur Erinnerung: Die Vorteile von offener Kommunikation und Synergien lassen sich in jedem BWL-Proseminar-Reader nachlesen.

Liebe Hausverwaltung, Ihr süßen Mäuschen, was legt Ihr Euch auch mit Sin­gle-Müttern an? Wisst Ihr nicht, dass wir laut Klischee überfordert, gereizt, hochemotional, untervögelt sind und deshalb für jeden Anlass von außen dankbar, unsere Aggressionen herauszulassen? Ihr wusstet das nicht. Zu spät!

Wer mit Sechsjährigen diskutiert, den kann die Hausverwaltung nicht schrecken

Denn jetzt ist Pandoras Büchse geöffnet und unsere Wut auf Menschen, die unsere Familien zum Umzug drängen wollen, ungebremst. Schämt Euch, liebe Eigentümer, die Ihr wohl aus steuerlichen Gründen in Luxemburg sitzt. Wegen Eures Mieterhöhungsverlangens habe ich nächtelang mit dem Mieterbund telefoniert, am Küchentisch im Bademantel nach Gründen für einen Widerspruch gegoogelt.

Am Ende stand da ein Brief, dass ich die über 100 Euro Mieterhöhung ablehne. Und Tage später habt Ihr mir postalisch recht geben müssen. Lernt daraus, dass es nichts bringt, sich mit Menschen anzulegen, die mitunter die höchste Frustrationstoleranz haben. Denn merke: Wer tagelang mit einem Sechsjährigen über die Sinnhaftigkeit des Zähneputzens diskutieren kann, frisst ein Hausverwaltungsschreiben zum Frühstück.

Caroline Rosales (35) ist Redakteurin der Funke Mediengruppe und lebt in Berlin.

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