Single Mom

Warum Mütter sich trennen - und trotzdem glücklich sind

Die Mütter von Prenzlauer Berg pflegten lange das Image einer heilen Welt. Doch sie haben keine Lust mehr und trennen sich lieber.

Kinderwagen in Prenzlauer Berg (Archivbild)

Kinderwagen in Prenzlauer Berg (Archivbild)

Foto: picture alliance / ZB / pa/ZB

Er sagt, er muss sich jetzt einmal ein bisschen entspannen. Und sie verdreht die Augen. Der Geschirrspüler muss ausgeräumt werden, und er kann seinen Hintern nicht bewegen, um mit den Kindern rauszugehen. Er, nennen wir ihn mal Stefan, ist Webdesigner und will nicht raus, weil er sein Sky-Bundesliga-Abo sonnabends ja auch nicht umsonst hat. Erneutes Augenrollen bei meiner Freundin Lena. Wir gehen mit unseren insgesamt vier Kindern raus auf die Kollwitzstraße, in ein Café, am besten eins mit Blick auf den Spielplatz, so dass die Aufsichtspflicht gewahrt bleibt.

„Stefan und ich haben uns übrigens getrennt“, sagt Lena, ein paar Meter weiter. „Er sucht sich jetzt eine Wohnung. Er und sein Sky-Abo.“

Wir lachen kurz hysterisch auf. Dann beruhigen wir uns wieder, weil sich das ja so gehört. Die Kinder, die Passanten.

„Aber das geht doch nicht“, sage ich einigermaßen betroffen. Auch weil man das so sagt. Lena und ich – wir haben unsere Kinder nämlich hier in Prenzlauer Berg die ersten Jahre zusammen aufgezogen. In der Blase der bessergestellten Bildungsbürger und Kreativen. Jenes Milieu, über das der Vorsitzende der CSU-Landesgruppe, Alexander Dobrindt, sagt, dass der Prenzlauer Berg nicht Deutschland sei, aber der Prenzlauer Berg die öffentliche Debatte bestimmt.

Die Kleinfamilie mit zwei Kindern ist das Beste zum Gelingen eines Staates

Wir haben unseren Babys im Bugaboo-Wagen Luft zugefächert, sie später in den weißen Sand am Kollwitzspielplatz gesetzt. Irgendwann zwischendurch bin ich dann gegangen. Weggezogen nach Pankow. Noch später war ich dann zweifache Mutter und wieder Single. Für mich war das gut so, aber jetzt auch Lena? Nein, irgendwie geht das nicht. Wo kämen wir denn hin, wenn jetzt jeder hier durchdreht und die Emanzipation von der Ehe sucht? Das funktioniert doch nicht, dass wir hier alle aufgrund von getrennten Vermögensverhältnissen langsam vor uns hin wohlstandsverwahrlosen.

Die Kleinfamilie mit zwei Kindern ist das Beste zum Gelingen eines Staates, einer soliden Volkswirtschaft. Das schrieb schon Karl Marx in „Das Kapital“. Ohne die ganze Gratisarbeit, die Eltern – ehrlich gesagt: die Frauen – leisten, würde das System zusammenbrechen, kein Sozialismus und auch keine freie Marktwirtschaft möglich sein.

Klingt zugespitzt, aber der Staat ist von den stabilen Ehen der Lenas in diesem Land abhängig. Doch irgendwie scheint keiner mehr mitmachen zu wollen. „Der Prenzlauer Berg ist ein Viertel des Scheidungshedonismus geworden“, schrieb Andrea Hanna Hünniger jüngst in der „Zeit im Osten“. Ist es möglich, dass sie Recht hat?

Single-Mutter sein ist wie Rauchen

Wir verlassen das Café und setzen uns auf eine Bank am Spielplatz.

„Und, hast du von Nadine gehört“, sagt Lena plötzlich.

„Die auch?“

„Ja. Macht jetzt eine Ausbildung zur Yoga-Lehrerin und datet einen Ami.“

„Nein“, sage ich geschockt.

„Nadine sieht gut aus im Moment. Du übrigens auch, Caro. Du siehst auch gut aus. Warum seht ihr alle gut und glücklich aus und sagt MIR, ich soll mich nicht trennen.“

Ich seufze. Dann packe ich aus. Erzähle von unserem großartigen Urlaub in Wien im vergangenen Sommer. Wie ich im Schwimmbad Zeitung las, den Eltern vom Liegestuhl nebenan beim Streiten zuhörte, meine Kinder planschten und mir nichts fehlte. Von gemütlichen Wochenenden zu dritt und kleinen Fluchten zu Freunden.

Und Lena lächelt endlich zufrieden.

„Warum erzählst du mir das nicht gleich?“, fragt sie mich.

„Single-Mutter sein ist wie Rauchen, Lena“, erkläre ich ihr dann. „Es ist besser als sein Image, aber man darf es anderen nicht empfehlen.“

Caroline Rosales (35) ist Redakteurin der Funke Mediengruppe und lebt in Berlin.