Schumachers Woche

In Boulerbü verdichtet sich das Leben aufs Übersichtliche

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Hajo Schumacher
Beim Boule verdichtet sich das Leben aufs Übersichtliche, meint Hajo Schumacher.

Beim Boule verdichtet sich das Leben aufs Übersichtliche, meint Hajo Schumacher.

Foto: dpa/BM Montage

Unser Autor Hajo Schumacher entspannt bei der Königin der Spiele. Und nein, nicht Schach ist gemeint.

Berlinn. Elend lang fliegt der Ball, dreht sich langsam in der Luft wie mit dem Außenrist gespielt und senkt sich dann abrupt ins gegnerische Terrain. Panische und triumphale Blicke. Nervenstränge, die bersten. Menschen, die auf Kugeln starren, die bangen und schwitzen. Das Publikum hält die Luft an. Wieder mal geht es um alles.

Ich habe viele Sportarten probiert. Mein Fazit: Boule ist die Königin der Spiele. Ein eisenhartes Spiel, nur etwas für austrainierte Athleten. Wer zwölf Stunden lang die Aschenbahn auf und ab stapft, der hat einen Halbmarathon absolviert. Und 100 Würfe mit der bis zu 800 Gramm schweren Kugel machen 80 Kilogramm Hantelgewicht. Immer wieder bücken. Anspruchsvollste Auge-Arm-Koordination. Und das alles mit zunehmendem Promillewert, der am Ende oft jenseits der Fahrtüchtigkeit liegt.

Anders als das elitäre Gerangel um höher, schneller, weiter ist Boule ein inklusiver Sport. Alle können mitmachen. Boulez-vous avec moi? Mais oui! Wer unentwegt quatschen will, findet kommunikationsfreudige Mitspielende; wer gern die Klappe hält, sucht sich Schweiger. Boule wird niemals Trendsport werden, kommt aber in wundervollen Worten wie „Boulevard“, „Boulette“ oder „Boulerbü“ vor. Pedanten mögen auf die Unterschiede zwischen Boule, Bocchia, Petanque und Boßeln hinweisen, doch immer gilt: Hauptsache stressfrei.

Boule braucht weder kostspielige Ausrüstung noch überforderte Stretchtextilien, die Dopingregeln sind erfreulich liberal, und schließlich stammt das Spiel aus einem Land mit respektabler Nationalelf.

Manche Leute meditieren, andere suchen Ruhe in Meerwassertanks – ich erwerbe ein Wegebier und gucke Boule, live, im Park. Hier verdichtet sich das Leben aufs Übersichtliche: ein paar Kugeln und schräge Vögel. Da ist der Depardieu-Klon mit Strohhut, Plauze und Rotwein-Nase; die Tätowierte mit dem Killerblick; der ältere Herr, der mit stummer Präzision die gegnerischen Kugeln verstößt; der Heißsporn mit Schirmmütze, der viel flucht und selten trifft. Nie war Zuschauen erfüllender. Denn jeder der Umstehenden denkt bei sich: Das könnte ich auch.