Schumachers Woche

Die große Kunst des angemessenen Gedenkens

Vorurteile können richtig tückisch sein, schreibt Kolumnist Hajo Schumacher.

Hajo Schumacher (Archivbild)

Hajo Schumacher (Archivbild)

Foto: Frank Johannes

Viel Auschwitz die vergangenen Tage. Und immer wieder bedrückend, beschämend, nicht zu fassen. Der Sohn war mit seiner Schulklasse im Bendlerblock, dort, wo der Widerständler Stauffenberg hingerichtet worden war, noch am Tag seines misslungenen Attentats auf Hitler. Ich habe immer ein wenig Angst, dass die Kinder Unsinn machen oder gähnen oder in ihre Smartphones starren, weil Youtube mehr Aufmerksamkeitsmacht hat als der Nationalsozialismus.

Gedenken ist alternativlos, „Nie wieder“ ein stabiles inneres Geländer. Wir waren mit den Söhnen in Yad Vashem, wir haben Gedenkstätten besucht, Filme geschaut, Bücher studiert und unsere eigene bewegte Familiengeschichte betrachtet, die verzweifelten Tagebucheinträge, Wehrmachtsfotos und Abzeichen, Urkunden und Durchhalte-Heftchen.

Dennoch habe ich ein Gedenken-Problem, für das ich keine Lösung weiß. Kinder fragen zu Recht, wie man den Hass auf andere Menschen derart brutal orchestrieren könne. Wie also funktioniert Antisemitismus?

Zum Beispiel mit Vorurteilen. Aber: Wie kann ich antworten, ohne exakt jene Vorurteile zu wiederholen, die den Hass schüren? Selbst, wenn ich landläufige Stereotype in lauterster Absicht dekonstruieren wollte – ich muss sie dafür ans Licht zerren.

Beispiel: „Dass Frauen schlechter Auto fahren, das stimmt gar nicht“ – ein vergifteter Satz. Denn wer vorher keinerlei Zusammenhänge zwischen Geschlecht und Fahrweise sah, hat sie spätestens jetzt unterbewusst eingepflanzt bekommen. So bekräftige ich, was ich loswerden will. Ein Teufelskreis: Wer gegen Irrlehren angehen will, zementiert sie unfreiwillig immer aufs Neue.

Ich will nichts verschleiern, schon gar nicht verharmlosen, aber ist es nicht das wirksamste Mittel gegen Vorurteile, wenn man sie nicht dauernd hervorzieht, sondern ruhen lässt? Wie aber ließe sich Antisemitismus dann erklären oder jedes andere Vorurteil?

Über das Wichtige nicht zu schweigen, aber das Toxische nicht zu stärken – das ist die große Kunst angemessenen Gedenkens.