Schumachers Woche

Wer Neinhorn sagt, kommt an Neinachten nicht vorbei

Weihnachten naht unaufhaltsam. Unser Kolumnist Hajo Schumacher zwischen Konsumorgie und bewusstem Verzicht.

Kolumnist Hajo Schumacher.

Kolumnist Hajo Schumacher.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE FotoServices

Berlin. Aus dem Literaturbetrieb erreicht mich die Nachricht, dass unterm Weihnachtsbaum seltener „Die Jakobsbücher“ der Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk liegen werden, sehr viel häufiger dagegen „Das Neinhorn“ von Astrid Henn und Marc-Uwe Kling, der seit seinen lustigen „Känguruh-Chroniken“ zu meinen Nobelpreisfavoriten zählt.

Das Neinhorn setzt einen wohltuenden Gegenschmerz in Zeiten, da grundlos ein Viech verehrt wird, das nichts kann außer rumstehen und glitzern. Das Einhorn ist die Spielerfrau unter den Fabeltieren. Und das Neinhorn seine einzig genießbare Erscheinungsform.

Wer Neinhorn sagt, kommt an Neinachten praktisch nicht vorbei, das Fest für Gegner des weihnachtlichen Überflusses. Ist doch wahr: Da zieht man das ganze Jahr über die Strohhalme aus den Schirmchengetränken, sucht den letzten Wurstrest aus der Linsensuppe und reicht die notdürftig gespülten Dosen übern Tresen, um Folie zu sparen. Und dann macht diese Turbokonsumorgie die ganze Ökobilanz wieder kaputt. Freunde des Kompromisses tendieren zu Kleinachten, also einer abgespeckten Version, auch als „Christmas light“ bekannt. Da versammelt sich die Familie mit Lupe, Skalpell und Pflaster um einen Dominostein, wahlweise eine Marzipankartoffel. Reihum darf sich jeder ein Scheibchen abschneiden.

Zum Schluss hin wird es chirurgisch, aber auch pädagogisch: Sieh mal, mit wie wenig wir so viel Spaß haben. Bescheidenheit meint eben nicht Spaßbremsen, sondern ein ganz bewusstes Kümmern um sich selbst, das möglichst gut gelaunte Entscheiden, wann wovon genug ist.

Fürs neue Jahr habe ich mir die 50/2-Regel verordnet: Halbieren, was mir nicht guttut und verdoppeln, was ich brauche. Ab sofort wird geübt, damit wir für die anstehenden Festtage trittsicher sind. Also Mahlzeiten, Geschenke und Bildschirmzeit halbieren, dafür die Momente verdoppeln, in denen wir gemeinsam auf dem Sofa liegen, kuscheln und uns vorlesen, erst aus den Jakobsbüchern, dann aus dem Neinhorn. Das ist Meinachten.

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