Schumachers Woche

Rechthaben macht das Denken im Alltag deutlich einfacher

Warum vieles im Leben einfacher ist, wenn man sich nicht um die Meinung der anderen schert.

Hajo Schumacher

Hajo Schumacher

Foto: Frank Johannes

Ich bin ja eigentlich ein bescheidener Mensch, aber manchmal muss die Wahrheit ans Licht: Ich habe Recht. Nicht nur an dieser Stelle, sondern, zum Leidwesen meiner Familie, eigentlich immer und durchaus gern. Ich kann nichts dafür. Ist so. Sind die Drüsen. Außerdem bin ich deutsch. Und Mann. Ich weiß nun mal am besten, welcher Tannenbaum der Schönste ist, wie man ihn am stabilsten aufstellt und welche Schmuckkugel fürs Instagram-Bild am besten funkelt.

Rechthaben macht das Denken im Alltag deutlich einfacher. Und das geht ungefähr so: Kevin Kühnert? Aufjaulen. Europa? Kopf schütteln. Vegetarier? Höhnisch grinsen. Ob knusprige Gänsehaut, AKK, Tischtennis, Gesamtsituation – fragt mich ganz einfach irgendwas. Ich weiß Bescheid. Immer. Besonders gern erkläre ich an den Festtagen den kleinen Kindern von entfernten Bekannten, wie sie ihre Lego-Karren aufzubauen haben. „Gib mal her, Kleiner. Du kannst das nicht. Lass das den Onkel mal machen.“ Mich stört es überhaupt nicht, dass wir immer seltener eingeladen werden.

Eine mir sehr nahe stehende Psychologin riet mir neulich zu einer neuartigen Übung: Rechthabe-Detox. Im ersten Schritt wird dabei zunächst die Perspektive der Gegenseite eingenommen. Nichts leichter als das. Ist doch klar, was der kleine Lego-Bauer denkt: „Das kann der coole Onkel bestimmt viel besser, also überlasse ich ihm den Krempel.“ Habe ich recht? Eben.

Kann es sein, dass es mehrere Wahrheiten gibt?

Für schwierigere Fälle empfahl meine Beraterin dann allerdings eine härtere Übung. Ich möge doch folgende Sätze wiederholen: „Interessant, was Sie da sagen. Das habe ich so noch gar nicht gesehen. Schön, dass verschiedene Meinungen neben einander stehen können und sich manchmal sogar ergänzen.“ Puuh. Ich gestehe, es hat eine Weile gedauert, bis ich diese Worte flüssig aussprechen und vor allem ernst meinen konnte.

Es bleibt also die Frage: Können andere Menschen Recht haben, obgleich ich schon im Besitz der letztgültigen Wahrheit bin? Kann es sein, dass es von diesen Wahrheiten gleich mehrere gibt, sogar zu einem Thema? Mist. Wie soll ich mich denn jetzt über die Feiertage streiten?