Schumachers Woche

Warum die Pubertät unzurechnungsfähig macht

Erstaunlich, wie ähnlich menschliches Verhalten dem vom Tieren ist – vor allem in der Pubertät, beobachtet Hajo Schumacher.

Autor und Kolumnist Hajo Schumacher.

Autor und Kolumnist Hajo Schumacher.

Foto: Annette Hauschild

Ich brauche keinen Wecker. Denn jeden Morgen um kurz nach halb sieben weckt mich dieses Gebrüllgebell. Eine Dame mittleren Alters staucht einen jungen Hund zusammen, der wiederum zurückkläfft. Vielleicht steckt der Hund in der Pubertät, was man laut Experten daran erkennt, dass das Tier plötzlich ein Bein hebt.

Menschenjunge fangen in dieser Phase ja an zu riechen, bellen auch zurück und leiden urplötzlich an einem Hörschaden. „Komm mal bitte her!“, funktioniert weder bei jungen Hunden noch bei heranwachsenden Kindern, es sei denn, man winkt mit mindestens einer halben Pizza. Vielleicht sollte ich mal eine vom Balkon werfen, wenn die laute Lady wieder anmarschiert.

Menschen wie Tiere sind in der Adoleszenz unzurechnungsfähig. Pubertierende Gazellen rennen nicht etwa fort, wenn der Gepard kommt, sondern dem Raubtier schnurstracks entgegen. Ich bin im Alter von 15 Jahren tendenziell unnüchtern mal ein Brückengeländer entlang balanciert, unter mir der Dortmund-Ems-Kanal. Darwin hat Recht: Die Guten haben überlebt.

Wir Pubertiere waren schon verrückte Hühner. Wie die Makaken. Neurobiologen haben festgestellt, dass im jugendlichen Affenhirn dasselbe Durcheinander herrscht wie bei Menschen, oder Elefanten und Meerschweinchen. Pubertierende Ratten finden sich, wie Delfine auch, in der Jugend zu Gangs zusammen, um neue Reviere zu erkunden. Der Kontakt mit den Eltern wird radikal abgebrochen. Rüpelhaft benehmen sich, wie überraschend, vor allem junge Männchen, es sei denn, ein Artgenossin ist in der Nähe. Dann wird gekrault und geschmust.

In seinem künftigen Bestseller „Der Mensch im Tier“ stellt der Verhaltensbiologe Norbert Sachser (Westfälische Wilhelms-Universität Münster) die These auf, dass Jungtiere ihr Verhalten auf Gruppenkompatibilität hin überprüfen und ihre bisherige Problempersönlichkeit daraufhin noch einmal anpassen, um ihre Überlebenschancen zu verbessern. Der Kläffer aus unserer Straße hätte demnach die Chance, ein ganz Ruhiger zu werden. Dazu müsste Frauchen allerdings auch noch einmal neu anfangen.