Schumachers Woche

Wenn Bürger plötzlich mitentscheiden sollen

Warum in unserem gesellschaftlichen Miteinander am Ende nur Kompromisse eine Lösung bringen, verrät Hajo Schumacher.

Hajo Schumacher.

Hajo Schumacher.

Foto: Foto: Sergej Glanze

Berlin. Demnächst werden Sie vielleicht ein interessantes Schreiben in ihrem Postfach finden: „Das Los ist auf Sie gefallen.“ Nein, kein mieser Lottotrick, sondern ein Brief Ihres Bezirksbürgermeisters. Sie werden für ein paar Monate von der Arbeit freigestellt, um in einer Runde Mitbürgern zu entscheiden, wie die Parkplätze in Ihrer Stadt bepreist werden, ob und wie lange das Schwimmbad künftig geöffnet ist und wer dafür bezahlt.

„Davon verstehe ich ja gar nichts“, werden Sie denken. Macht nichts. Muss so. Soll in der echten Politik auch passieren. Sie werden mit allerlei Studien versorgt, sprechen mit Experten, haben freien Zugang zu allen, ja: allen Informationen. Romantischer Quatsch? Aber nein. Ob in Ostbelgien das Überwinden der Parteigräben verhandelt wurde, in Kanada eine Wahlrechtsreform, in Texas die Energieversorgung – überall entschieden Bürger, per Los erkoren.

So kommt die Demokratie zurück zu ihren Wurzeln, als Mit- und Mutmachveranstaltung. Denn zu den größten Missverständnissen unserer Tage gehört die Annahme, Politiker sei eine Service-Hotline auf zwei Beinen, Parteien nurmehr Firmen, die Umsatz machen und Gesellschaft ein Markt, der erobert werden müsse. Stimmt nicht.

Die größte Tugend ist Verzeihen

Unser Miteinander gleicht eher einer sehr großen Familie; da verschwindet keiner vom Markt, auch wenn wir uns das manchmal wünschen. Eine gute Familie ist kein Dienstleistungsbetrieb, in dem Eltern oder Kinder „liefern“ oder „performen“ müssen, sondern eine Gruppe überzeugter Helfer, idealerweise angetrieben von der unbegrenzten Ressource Herz.

Wichtigster Wert ist Zusammenhalt, die größte Tugend das Verzeihen. Wenn künftig mal Bürgerräte über bisweilen komplexe Probleme in ihrem Viertel entscheiden, dann wird sich herumsprechen, dass nur Kompromisse eine Lösung bringen und totale Kundenzufriedenheit schon immer eine Illusion war.

Die wichtigste Erkenntnis aber lautet: Nicht die da entscheiden über uns, sondern wir hier. Ich freue mich auf den Brief vom Bezirksbürgermeister.