Schumachers Woche

Nicht jeder ist ein Naturtalent

Warum das Schreiben über Flora und Fauna in Deutschland keine Tradition hat – aber entspannt.

Autor und Journalist Hajo Schumacher.

Autor und Journalist Hajo Schumacher.

Foto: pa/Montage BM

Der putzige Geselle kommt nach dem Frühstück, als warte er, bis die Menschen zur Arbeit ausgerückt und die Balkone einsam sind. Auch im Nebelgrau leuchtet sein Fell singlemaltbraun. Immer sieht er frisch frisiert aus, und ein wenig irreal mit dem toupierten Puschelschwanz, größer als sein magerer Körper. Die schwarzen Äuglein zucken, weniger ängstlich, eher in routinierter Wachsamkeit.

Meine, sagen sie, meine Erdnuss und knabbert an der Schale, um mehr Köstlichkerniges zu schnuppern. Offenbar legt ein Nachbar aus den oberen Stockwerken jeden Morgen eine Erdnuss bereit. Wieselnd gleitet das Eichhorn dann den rauen Putz hinab, tanzt auf den Ast der alten Kastanie, der an der Hauswand reibt und sich biegt, um dann, im einzig richtigen Moment, in unseren braunen Blumenkasten zu springen, sein Frühstücksplatz seit dem Frühjahr.

Gemütlich wird es nicht, der Nager ist angespannt, auch wenn die Katzen nicht bis in den zweiten Stock kommen. Raubvögel kreisen wenige über der Stadt, das Blattwerk wäre ihnen überdies zu dicht. Nein, der Feind ist seinesgleichen, ein weiteres Eichhörnchen, eine Spur dunkler im Fell, genauso flink und vorsichtig, Freund und Fressfeind zugleich. Oft toben sie zu zweit durch die Kastanie. Nur zum Frühstück kommt der Hellere allein. Ob der Dunkle an seiner eigenen Erdnuss nagt? Aber wo?

So, liebe Leser, weiter bin ich nicht gekommen. Und es war schön anstrengend, weil ungewohnt. Nature Writing oder das Naturbeschreiben hat keine große Tradition in Deutschland. Anders im angloamerikanischen Literaturraum, wo der Tierarzt Charles Foster nachempfindet, wie es sich als Dachs lebt, wo Annie Dillard die kleine Natur vor der Haustür beschreibt oder Robert MacFarlane die laufenden Qualen des Wanderns.

Viele Journalisten wollten früher einmal Schriftsteller werden. Doch dann kam alles anders. Nun bewerten und interpretieren wir fortwährend, haben dabei aber verlernt, ganz einfach ein Frühstückshörnchen zu beschreiben. Hat Spaß aber gemacht. Und mich entspannt. Könnte ab jetzt also öfter passieren.