Schumacher

Genießen Sie Venedig, solang es noch steht

Die morbide Stadt in der Lagune ist ein einziger bizarrer Widerspruch, Rand des Vulkans, auf dem wir tanzen, beobachtet Hajo Schumacher.

Schumachers Woche erscheint jeden Sonntag in der Berliner Morgenpost.

Schumachers Woche erscheint jeden Sonntag in der Berliner Morgenpost.

Foto: Frank Johannes

Berlin. Venedig ist in diesem Sommer die größte Kunstinstallation der Welt. Millionen Besucher machen mit, und natürlich Künstler aus aller Welt, die auf der Biennale die großen globalen Probleme bearbeiten: Klimawandel, Artensterben, Kolonialzeit und Rassismus, flüchtiges Miteinander, irrsinniger Konsum.

Überwiegend ältere weiße Menschen, Abkömmlinge früherer Kolonialmächte, laufen mit ernsten Gesichtern an den aufrüttelnden Werken vorbei, wiegen betroffen die Bildungsbürgerhäupter, weil alles sehr furchtbar ist und halten das Smartphone empor, um ihr engagiertes Dasein im Bekanntenkreis zu verbreiten.

Die meisten Kunstsinnigen sind nach Venedig geflogen oder mit dem Kreuzfahrtschiff gelandet, um sich dort wegen des Klimawandels zu sorgen. Sie pellen Sandwiches aus Plastikverpackungen, aber teilen das Kunststoffstäbchen zum Umrühren des Kaffees, weil man ja nicht so viel Müll produzieren will. Derweil liegt am Ufer eine psychedelisch teure Oligarchen-Jacht und lässt die Maschinen laufen.

Die Biennale-Besucher stöhnen gesellschaftskritisch über „diese Menschenmassen“, so wie eine Gruppe Ameisen, die kopfschüttelnd einen Ameisenhaufen betrachtet.

Die morbide Stadt in der Lagune ist ein einziger bizarrer Widerspruch, Rand des Vulkans, auf dem wir tanzen. Hier wird das Erbe verfrühstückt, das die Venezianer einst zusammenrafften. Selfie auf dem Markusplatz, solange er noch über Wasser liegt. Paradox oder subtil – die globale Kunst kritisiert drinnen, was direkt draußen vor der Tür geschieht.

Wir haben das Warnen an Künstler, Wissenschaftler, Gretas ausgelagert. Wie selbstverständlich gehören die Mahner inzwischen zur Standardbesetzung jeder Talkshow. Wir nicken und gruseln uns, weil „die Politik“ nicht mehr zustande bringt als ein kleinmütiges Klimapaket. Es ist so schön bequem, alles auf die große Koalition, Trump und China zu schieben. Derweil nicken wir aufmunternd den jungen schwarzen Männern zu, die die schweren Getränkekarren mit Einwegflaschen zu Venedigs Kiosken bugsieren.