Kolumne

Fall Künast: Grenze überschritten, Strafe fällig

Wenn Worte nichts als verletzen sollen, ist die Grenze vom Meinungsäußern zum Gewaltausüben überschritten, schreibt Hajo Schumacher.

Foto: pa/BM

Wenn ich an dieser Stelle Muffensausen bekomme, ein Schimpfwort niederzuschreiben, dann muss es ein ziemlich derbes sein. Bei uns daheim gilt die Regel, dass als erträgliche Pöbelei zu bewerten ist, was den anderen zum Lachen bringt.

„Du Miststück“ darf ich zur Chefin sagen, wenn ich grinse, weil sie mich elegant gefoppt hat. Ein gejapstes „Scheißkerl“ geht für meinen kleinen, großen Vierzehnjährigen gerade noch durch, weil er mir beim Kickboxen einen Hieb verpasst hat, der mir dunkelgrau vor Augen werden lässt. Das Kind strotzt vor Stolz.

Wer eine Polizistin "Miststück" nennt, zahlt bis zu 1000 Euro

Wie für fast alles im Leben gilt auch für Beleidigungen: Es kommt auf die Umstände an, auf Tonfall und Gesichtsausdruck, auf die Gesamtsituation. Wer eine Polizistin „Miststück“ nennt, zahlt bis zu 1000 Euro. Respektlosigkeit ist nur Spaß, wenn beide Seiten ihn ertragen.

Die grüne Politikerin Renate Künast wollte manche Beleidigungen nicht hinnehmen und zeigte einen Facebook-Grobian an. Das Berliner Landgericht sah allerdings kein Problem und bezeichnete selbst ekligste Ausfälle eines Pöblers als hinnehmbar.

Nicht jeder Pups verletzt, die Künast-Kränkungen aber allemal

Mindestens zwei Gründe sprechen dagegen, die Toleranz grenzenlos weit auszulegen. Wenn Worte nichts als verletzen sollen, ist die Grenze vom Meinungsäußern zum Gewaltausüben überschritten. Nicht jeder Pups verletzt, die Künast-Kränkungen aber allemal: Grenze überschritten, Strafe fällig.

Zweitens leben wir in digital aufgeheizten Zeiten von sprachlicher Verrohung und schwindendem Respekt. Gerade normsetzende Institutionen wie Gerichte haben die Pflicht, demokratie- und gesellschaftszersetzende Trends entgegenzuwirken.

Immer noch kein Grund, die Richter als Vollidioten zu beschimpfen

Ein Gericht aber, das übelste Pöbeleien zulässt, schenkt ausgerechnet den zerrüttenden Kräften einen giftigen Triumph. Was genau sollen wir unseren Kindern, den digitalen Dreckwerfern, jedem halbstarken Kotzmaul entgegenhalten, wenn von höchster Stelle dem Unrat die Schleusen geöffnet werden?

Trotzdem: immer noch kein Grund, diese Richter als Vollidioten zu beschimpfen.