Schumachers Woche

Warum „bürgerlich“ ein multikulturelles Etikett ist

Einst war "bürgerlich" ein Schimpfwort, nun ist es etwas Schönes, findet Hajo Schumacher.

Foto: Reto Klar/BM

Berlin. „Sind wir bürgerlich, Schatz?“ Die Chefin antwortet nicht gleich. Vielleicht hätte ich nicht fragen sollen. Früher, als wir wild und leichtsinnig waren, wäre „bürgerlich“ ein Schimpfwort gewesen. Wir wollten Hippies sein, Nonkonformisten. Aber immer anders sein ist auch anstrengend.

Seit unsere Söhne Cordhüte als topmodisches Accessoire tragen, überdenke ich meine Haltung zum Jägerzaun. Wie soll man sonst die Wildschweine von der Scholle halten?

Die bürgerlichste Familie in der Nachbarschaft stammt aus Armenien. Er hat mehr von Goethe gelesen als ich von Disney geguckt, dafür peitscht sie drei erschreckend wohlgeratene Kinder durch das Große Latinum und den Bratschenkurs. Er ist Kassenwart im Tennisverein, sie Elternvertreterin. Migranten müssen halt immer die härtesten Jobs machen.

„Bürgerlich“, das ist eine Leinwand, auf die jeder etwas projizieren kann, der mit Begriffen wie Anstand, Würde, Respekt und den ersten 19 Artikeln des Grundgesetzes was anfangen kann. Insofern ist „bürgerlich“ ein multikulturelles Etikett, mal mit Deutschland-, mal mit Europa-, mal mit Regenbogen-, mal mit Piraten-Fahne, liberal, konservativ, klein-, groß-, spießbürgerlich, aber immer gemäßigt. Es lebe das Individuum, aber so, dass es anderen nicht auf den Wecker geht.

Bürgerlich bedeutet nicht zwingend klug, aber bildungsfroh und meist höflich. Geflunkert wird allenfalls beim Kompliment, ansonsten wird weder gelogen noch Unrat verbreitet.

Bürgerliche vertrauen eher der Zeitung als Facebook, sind kritisch, aber auch selbstbewusst genug, um sich nicht dauernd als Opfer irgendwelcher Umstände zu sehen. Deswegen ist „Wutbürger“ ein Paradox. Wut steht für Kontrollverlust und mangelnde Umgangsformen. Bürgerliche aber lehnen Hysterie ab, sie wissen, dass das Leben ein Provisorium ist, und das Gemeinwesen sowieso. Wir können mitgestalten, werden aber nie fertig.

Das Schöne an der Bürgerlichkeit: Jeder kann mitmachen. Einzige Bedingung: Gute Bürger wollen den Laden zusammenhalten, nicht in die Luft jagen.

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