Schumachers Woche

Formular des Teufels: Das Bürokratieungeheuer A1

Das Dokument sorgt europaweit für mehr Stress als es die gleichnamige Autobahn selbst in verstautesten Stunden schaffen würde.

Schumachers Woche erscheint  jeden Sonntag in der Berliner  Morgenpost.

Schumachers Woche erscheint jeden Sonntag in der Berliner Morgenpost.

Foto: Frank Johannes

Berlin. Es muss der Teufel gewesen sein, der an einem kreativen Tag hinaufstieg nach Brüssel, um als Prädikatsjurist verkleidet ein Formular namens „A1“ in irgendeinen Eingangskorb zu legen. Seither sorgt dieses, natürlich elektronisch verfügbare Dokument europaweit für mehr Stress als es die gleichnamige Autobahn selbst in verstautesten Stunden schaffen würde.

Das Formular A1 basiert auf dem „Beschäftigungsstaatprinzip“, der an sich vernünftigen Idee, dass ein Arbeitnehmer im Land seiner Tätigkeit sozialversichert sein muss. Der rumänische Paketbote, der hierzulande tagtäglich den Müll von morgen in gediegene Dachgeschosswohnungen ohne Fahrstuhl wuchtet, hat in Deutschland seine Sozialabgaben zu zahlen. Der absehbare Bandscheibenvorfall mit Frühverrentung soll ja schließlich nicht dem rumänischen Sozialstaat zur Last fallen.

Kompliziert wird die Sache, wenn Menschen der Arbeit wegen nur mal eben kurz in einen anderen EU-Staat sausen, Frau von der Leyen zum Beispiel, Journalisten oder rechtschaffene Arbeitnehmer. Für jede Dienstreise ins EU-Ausland müsste ein jeweils taufrisch ausgestelltes Dokument A1 vorliegen, als Nachweis über gezahlte Sozialabgaben. Niemand will dieses Formular sehen, aber pflichtbewusste Arbeitnehmer beantragen es trotzdem; man will ja rechtssicher reisen.

Muss aber gar nicht sein, lässt nun leise das Bundesarbeitsministerium in einem informellen Gutachten wissen; es könne durchaus „zweckmäßig sein, auf einen Antrag auf die Ausstellung der Bescheinigung A1 zu verzichten“. Wir halten fest: Zunächst schafft der EU-Apparat einen Dämonen namens A1, den das zuständige Ministerium dann zu ignorieren empfiehlt.

Bleibt die Laienfrage: Wer wusste vom Bürokratieungeheuer A1? Nur diabolische Brüsseler Prädikatsjuristen? Oh nein. Weil es sich um eine Verordnung handelt, hat die EU-Kommission daraufgeguckt. Und das EU-Parlament. Und der Ministerrat, somit jede nationale Regierung, auch das Bundesarbeitsministerium, das zum Verzicht auf A1 rät. Man nennt es wohl Teufelskreis.