Schumachers Woche

Wie wir in Deutschland noch jede Debatte vergeigen

Der CDU-Politiker Carsten Linnemann gibt ein Interview über Deutschkenntnisse von Erstklässlern. Und im Netz explodiert die Empörung.

Foto: dpa/Reto Klar/BM Montage

In einer Disziplin sind wir vom Hochkulturstandort Deutschland ungeschlagener Weltmeister – beim Vergeigen von Debatten. Mit einer Mischung aus Unehrlichkeit, Aufmerksamkeitsgier und wütendem Gekreische bekommen wir gemeinsam noch jedes Thema kaputtgequatscht, sogar die Selbstverständlichkeit, dass Erstklässler, ganz gleich, ob biodeutsch, migrantisch oder klingonisch, die Grundzüge der Landessprache beherrschen sollten.

Unsere Deppendebatte lenkt zuverlässig ab vom eigentlichen Problem, führt weg von möglichen Lösungen, aber dafür stracks hin zu multiplen Egoismen. Pünktlich zum Schulstart gibt da ein Politiker (Carsten Linnemann/CDU) ein Interview, mit der er nicht zwingend unseren Kleinen eine bessere Zukunft verschaffen, aber definitiv sein Profil als Konservativer schärfen will.

Weniger zur Information, sondern als Verbreitungshilfe spitzt die Deutsche Presseagentur den Text heftig zu, wofür sie sich hinterher immerhin entschuldigt. Die politische Konkurrenz wirft Floskelkonfetti („Fremdschämen“, „Populismus“, „rechter Sumpf“), und wir Kommentatoren schalten den Empörungsautomaten ein. Menschen erzählen von der eigenen Grundschulzeit, was nur in den Sumpf des Anekdotischen führt. Und dann natürlich Zahlen: Alle weisen allen nach, dass irgendwo irgendwas nicht ganz korrekt ist.

Fazit: Der kollektive Blutdruck ist gewaltig in die Höhe geschossen. Alle Diskutanten haben Abscheu voreinander kund getan. Und ausgerechnet jene, die Donald Trump und all die anderen Polarisierer verachten, haben deren Methoden präzise nachgeahmt. Haltungsstolz und Faktenferne sind ja häufig verwandt.

Ach, Moment mal, worum ging es bei dem tagelangen Gequatsche eigentlich? Um die erfolgversprechendste Lernmethode, um Stärken und Schwächen der verpflichtenden Vorschule, von kleineren Klassen, zweisprachigem Unterricht oder sanftem Druck für bockbeinige Eltern? Wir wissen es nicht. Ist auch egal. Was scheren uns die Kinder? Hauptsache, mal wieder richtig schön debattiert.