Schumachers Woche

Warum die Band Rammstein nach Bayreuth gehört

Ein Rammstein-Konzert bedeutet einen epischen Abend voll verstörender, wüster, witziger Schönheit, weiß Hajo Schumacher.

Hajo Schumacher (Archivbild)

Hajo Schumacher (Archivbild)

Foto: Frank Johannes

Zum Start perlt Chopin. Die gefeierten französischen Pianistinnen Naïri Badal und Adélaïde Panaget schwingen an ihren Flügeln dahin. Eine halbe Stunde später kracht Donner durchs Schlesische Stadion zu Chorzow. Die erfolgreichste, umstrittenste und mutigste deutsche Band spielt 25 Kilometer hinter Gleiwitz, wo Deutschland unter einem Vorwand vor 80 Jahren den Zweiten Weltkrieg begann und 40 Kilometer vor Auschwitz, wo eineinhalb Millionen Menschen ermordet wurden.

„Deutschland“ brüllt Sänger Till Lindemann. „Deutschland“ brüllt das Stadion zurück, Polen, Deutsche, Skandinavier, Fans aus aller Welt, ironisch, begeistert, skeptisch oder einfach so. Ein verstörender, magischer Moment, null aggressiv, eher ein kollektives Versöhnen mit dem Monstrum Mensch. Keinerlei Alkoholausschank übrigens.

Ein Rammstein-Konzert bedeutet einen epischen Abend voll verstörender, wüster, witziger Schönheit, dargebracht auf einer monströsen Wuchtbühne voller Blitz und Düsternis, Stahl und Feuer, Lebensgier. Wilde, ambivalente Momente sind das Kerngeschäft der Band aus Ost-Berlin, gegründet fünf Jahre nach dem Mauerfall und wohl der bedeutendste deutsche Kulturbotschafter seither.

Kompromisse? Manager-Gelaber? Gefallenwollen? Nein. Kunst kommt von konsequent.

Gabalier ist eindimensional, Rammstein bietet alles auf

Wo die Gabaliers über Eindimensionales wie Paarungsdruck und Heimatangst nicht hinauskommen, operiert Rammstein brachial auf widersprüchlichen symbolischen, provozierenden Ebenen, wirft in hypersensiblen Zeiten nur so um sich mit Sehnsucht, Wut, Liebe, Hass, Riechen, Reizen, Fühlen, all der Spannung, die Bayreuth gern mal wieder hätte. Rammstein ist die ehrlichste Projektionsfläche hierzulande – alle fühlen was, und sei es nur dieses Unwohlsein zwischen Angst und Scham ob der eigenen Assoziationen. Mehr kann Kunst nicht leisten.

Zwei Stunden später sind 50.000 Menschen aufgeladen mit guter Energie, emotional befreit, zugewandt und verzaubert zugleich. Rammstein – große Oper, die erst aufwühlt und dann versöhnt.