Schumachers Woche

E-Roller: Auf Rad- und Gehwegen wird es enger

E-Roller sind praktisch, faltbar, schließen Lücken im Stadtverkehr - und erfordern viel Rücksicht, meint Hajo Schumacher.

Erstes Naturgesetz des modernen Verkehrs: Exponentiell zur Zahl neuer Fahrzeuge müssen Rücksicht, Höflichkeit und Gelassenheit wachsen, meint Hajo Schumacher.

Erstes Naturgesetz des modernen Verkehrs: Exponentiell zur Zahl neuer Fahrzeuge müssen Rücksicht, Höflichkeit und Gelassenheit wachsen, meint Hajo Schumacher.

Foto: dpa/Jörg Krauthöfer/BM Montage / Berlin

Berlin. Neulich war ich im südfranzösischen Marseille. Nette Stadt, ziemlich hügelig. Fußgänger brauchen Stahlnerven. Denn immer wieder fliegen Geschosse vorbei, die die Steigungen locker bewältigen.

Aha. Das sind also diese Elektroroller, wie wir sie bald bei uns erleben werden, allerdings nicht auf 20 Kilometer pro Stunde gedrosselt, wie hierzulande vorgeschrieben. Pilotiert werden die kleinen Raser selten von lebenserfahrenen Damen mit Einkaufstaschen, sondern eher von Männern, die gern Kopfhörer tragen und zu Lebensrisiken aller Art ein entspanntes Verhältnis pflegen.

Keine Frage, E-Roller sind praktisch, faltbar und schließen Lücken im Stadtverkehr: Was zum Laufen zu weit, zum Radeln zu anstrengend, mit dem Auto zu unpraktisch und mit Bus/Bahn nicht zu schaffen sei, bewältige der Roller, jubeln Fans. Die Sache mit Ladestationen und Stellplätzen wird sich bestimmt so geschmeidig erledigen wie bei den Leihrädern.

E-Scooter sollen auf den eh schon überfüllten Radweg

Toller Roller, keine Frage, nur sind die Dinger nicht allein unterwegs, sondern in einem komplexen System, das nicht gerade von Empathie zusammengehalten wird. Roller sollen auf den Radweg, wo bereits arger Dichtestress herrscht, erst recht, seit das exakt radwegbreite Kastenrad dort alle anderen auf Schlendertempo niederbremst. Nein, nicht die schlanken Lastenräder, von Kurieren elegant gelenkt, sondern diese klobige schwarze Kästen, SUVs des Radwegs, für Kinder gedacht, aber meist leer, gesteuert von Menschen mit Weltretterblick, die dem Feinstaub mit Kopenhagen-Hygge trotzen. Fahrzeuge wie der Fußballprofi Niklas Süle: Da kommt keiner daran vorbei.

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Was aber macht unser flotter Roller, wenn der Radweg blockiert ist und zudem so holprig, dass die kleinen Räder kaum Halt finden? Tempo drosseln und sich in Geduld üben? Vielleicht. Kann aber auch sein, dass die Roller auf dem Gehweg fahren oder auf der Straße, ausgerechnet dort, wohin schon alle anderen ausgewichen sind.

Erstes Naturgesetz des modernen Verkehrs: Exponentiell zur Zahl neuer Fahrzeuge müssen Rücksicht, Höflichkeit und Gelassenheit wachsen.

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