Schumachers Woche

An jedem Maulwurfshügel wird der Untergang ausgerufen

Unser Kolumnist Hajo Schumacher fragt sich: Warum nimmt die gefühlte Angst ständig zu?

Foto: BM/pa

Berlin. Chaos! Untergang! Die größte Katastrophe des 21. Jahrhunderts! So klang es vor knapp einem Jahr. Klimawandel? Aber nein. Nur Datenschutzgrundverordnung. Ein bürokratisches Monster, keine Frage; aber der Weltuntergang wegen DSGVO fiel netterweise aus.

Als bräuchten wir unsere jährliche Dosis Brüssel-Furor, wiederholte sich unlängst das apokalyptische Spiel; diesmal wurden Urheberrechtsfragen verhandelt. Wut und Panik wogten, als sei die Pest zurückgekehrt. Aber nicht lange. Wieder galt: Es hätte sich schlauer entscheiden lassen können. Aber die Welt dreht sich weiter.

Sogar trotz Donald Trump. Der Mann werde nicht lange im Amt bleiben, erklärten uns Experten mit routinierten Sorgenfalten, weil er erstens nicht tauge als amerikanischer Präsident, zweitens von Geheimdiensten erledigt werde oder drittens von seinen Russland-Verstrickungen. Die Frage war nie, ob, sondern nur, wann Trump das Präsidentenamt verlassen würde. Doch er geistert noch immer im Bademantel über die Flure des Weißen Hauses, trinkt Cola light und twittert Unsinn.

Womit wir beim Brexit wären. Zwei Jahre Horrormeldungen über Briten, die gegen eine drohende Klopapierknappheit anhamstern würden; die Care-Pakete waren schon gepackt. Am D-Day allerdings, dem magischen 29. März, passierte rein gar nichts; Brexit vertagt und Weltuntergang auch. Ein Skandal – nicht mal auf den jüngsten Tag ist Verlass.

Vergangene Woche präsentierte Innenminister Horst Seehofer mit einigem Stolz die frischen Zahlen zur Kriminalität im Land. Fazit: Statistisch gesehen ist es in Deutschland so sicher wie seit Jahren nicht. Zugleich aber hat die gefühlte Angst weiter zugenommen.

„Katastrophismus“ heißt die Lust, an jedem Maulwurfshügel den Untergang auszurufen, und bringt zwei hässliche Kollateralemotionen mit sich: entweder Dauerpanik, also gefühlte Angst, oder eine stramme Alles-egal-Haltung.

Jeder Lautstärkeregler hat herrlich viele Stufen zwischen null und volle Pulle. Dimmen wir den Krach ein wenig. Dann wird der Frühling gleich entspannter.

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