Schumachers Woche

Warum ich selbstverständlich Feminist bin

Gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit? Was sonst? Mehr Frauen in Führungspositionen? Aber klar! Hajo Schumacher über Feminismus.

Feminismus bedeutet für mich eine Unterabteilung des Humanismus, dessen Regeln in Grundgesetz oder Bergpredigt zusammengefasst sind, meint Hajo Schumacher.

Feminismus bedeutet für mich eine Unterabteilung des Humanismus, dessen Regeln in Grundgesetz oder Bergpredigt zusammengefasst sind, meint Hajo Schumacher.

Foto: Frank Johannes

Ich bin ein Freund der sozialen Marktwirtschaft. Das Versprechen von Chancengleichheit und Wachstum schafft einen Hauch von Versöhnlichkeit im ewigen Spannungsfeld von Bürgern, Staat, Wirtschaft und Nachhaltigkeit. Die soziale Marktwirtschaft kennt keine Unterschiede zwischen Ost/West, Einwanderern/Eingeborenen, Männern/Frauen. Wer die Regeln einhält, darf mitmachen.

Als Fan der sozialen Marktwirtschaft bin ich automatisch Feminist, sofern darunter Geschlechtergerechtigkeit und gutes Benehmen verstanden wird. Gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit? Was sonst? Mehr Frauen in Führungspositionen? Aber klar. Meine Chefredakteurin schreibt auch unter Stress noch nettere Mails als die meisten Kerle aus den Ferien. Vereinbarkeit von Kind und Beruf? Aber sicher.

Feminismus: eine Unterabteilung des Humanismus

Feminismus bedeutet für mich eine Unterabteilung des Humanismus, dessen Regeln in Grundgesetz oder Bergpredigt zusammengefasst sind. Bedeutet Feminismus allerdings reflexhaften Zorn gegen alle Lebewesen, denen eine Laune der Natur einen schwellkörperbewehrten Hautlappen mitgab, dann bin ich raus.

Insofern bedarf es wohl einer Verdeutlichung: Ich möchte ein entspannter Feminist sein, der im Zweifelsfall das verständnisvolle Lachen der Militanz vorzieht. Feminismus braucht übrigens Heldenmut, denn im Kern arbeitet er auf seine Abschaffung hin. Ist Geschlechtergerechtigkeit erreicht, braucht es keine Feministen mehr, nicht mal entspannte.

Die Richtung stimmt, das Ziel auch, nur das Tempo nicht

Bei aller nachvollziehbaren Ungeduld bleibt festzuhalten, dass in Deutschland in den vergangenen 50 Jahren mehr erreicht wurde als in 5000 Jahren zuvor, noch nicht genug, aber die Richtung stimmt, das Ziel auch, nur eben das Tempo nicht immer. Deswegen darf auch entspannter Feminismus bisweilen laut sein, zuspitzen, Quoten durchsetzen. Zementierte Machtstrukturen sind nun mal mühsam zu knacken, wie ausgerechnet die vermeintlichen Moralmeister im Vatikan lehren.

Richtig ist: Privilegien sehen alle außer den Privilegierten selbst. Diese Binse gilt aber nicht nur für das Spannungsfeld Mann/Frau, sondern ebenso für jung/alt, reich/arm und viele mehr. Ein Junge aus sozial schwacher Familie hat bei gleicher Leistungsfähigkeit schlechtere Chancen im Leben als ein Mädchen aus gutem Hause.

Solche Männer haben Respekt verdient

Entspannter Feminismus ist vor allem gefragt, wenn es um das Mitnehmen von Männern geht, die guten Willens sind. Und von denen gibt es ziemlich viele. Neulich traf ich einen Kollegen, Freiberufler, der etwa ein Drittel seiner Arbeitszeit und damit seines Einkommens abgeben musste, weil die Auftraggeber gern mehr Frauen im Team wünschten. Es ist nicht jedermenschs Sache, das Teilen im Dienste der Gerechtigkeit souverän hinzunehmen. Er tat es. Entspannt. Solche Männer haben Respekt verdient.

Respekt vor Männern – hier würde der ideologische Feminismus aufschreien. Neulich las ich, dass Aktivistinnen den Mann als solchen abschaffen wollen, was technisch durchaus denkbar wäre. Die paar Milliliter Fortpflanzungsmaterial lassen sich einfrieren, der Rest kann weg. Diese talibanhafte Weltsicht führt allerdings stracks in die bösen, alten Denkmuster.

Entspannte Feministen sind kooperations­bereit

Wann immer Gruppen kollektiv zu Sündenböcken erklärt werden, ob „die Wessis“, „die Hertha-Fans“ oder „die Journalisten“, springt die Tür zu Ungerechtigkeit und Schlimmerem auf. Ebenso wenig wie „die Männer“ am Elend der Welt schuld sind, werden „die Frauen“ den Planeten allein retten.

Früher, als wir nomadisch unterwegs waren, war es die Not, die die Geschlechter zusammenhielt. In einem argen Winter starb ein Drittel der Sippe. Überleben war nicht Männer- oder Frauensache, sondern Werk der Kooperationswilligen, wie der brillante Frank Schirrmacher in seinem Buch „Minimum“ darlegte. Entspannte Feministen sind kooperations­bereit. Und freuen sich auf eine Zukunft, in der alle Guten zusammenhalten.

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