Schumachers Woche

China wartet nicht auf uns

Während hierzulande noch über Bauanträge prozessiert wird, flutet China den Weltmarkt mit seinen Produkten, beklagt Hajo Schumacher.

Berlin. Ich gestehe, manchmal überfordert mich die Nachrichtenlage. Während wir langsam gelernt haben, dass ein Herr aus Washington mit seinem First-Gedröhne einer global verflochtenen Wirtschaft schadet, präsentiert unser Wirtschaftsminister die „Nationale Industriestrategie 2030“. Während die Kanzlerin in Tokio das „Multilaterale“ betont, ein parfümierteres Wort für „international“, bricht Daimlers Gewinn ein und Germania bekommt keinen Rettungsscheck wie einst Air Berlin. Die Strategie ist halt für 2030. Aber Wirtschaft ist jetzt. Und selten national, was Steuervermeider und bulgarische Käufer deutscher Diesel-Gebrauchtwagen zu schätzen wissen.

Europa ist die Zukunft, erklären wir tapfer unseren Kindern und freuten uns, weil Siemens und Alstom künftig gemeinsam Schnellzüge bauen wollten, die mit deutscher Technik, außer vielleicht im Speisewagen, und französischer Pünktlichkeit klimaschonend über den Kontinent brausen. Nun hat die EU-Wettbewerbskommissarin genau diese Euro-Kooperation verboten, was in Peking, Washington und Moskau für Heiterkeit gesorgt haben dürfte. Hatte das Airbus-Projekt vor 50 Jahren nicht einen zarten Hinweis gegeben, dass „Europa“ die zeitgemäße Definition von „national“ ist?

Womit wir im Solar Valley wären, wo auch mal ein nationales Milliardengeschäft herbeistrategisiert werden sollte. Die Idee: Solarzellen made in Sachsen-Anhalt erobern den Weltmarkt. Leider kam China mit unfairen Kampfpreisen dazwischen, was Deutschland eine hochmoderne Industriebrache bescherte. Nun wiederholen wir diese nationale Strategie und fördern die Batterieindustrie mit Milliarden. Ich fürchte, China flutet den Weltmarkt bereits mit Lithium-Ionen-Akkus, die aus den unverkauften iPhones übrig sind, während hierzulande noch über Bauanträge prozessiert wird. Womöglich wäre es energieeffizienter, in Brüssel genau jetzt einen Kompromiss für Siemens/Alstom zu erkämpfen als Flausen für 2030 zu ersinnen.

„Ist man in kleinen Dingen nicht geduldig, bringt man die großen Vorhaben zum Scheitern.“ Sagte Konfuzius. Ein Chinese.

Mehr Kolumnen von Hajo Schumacher lesen Sie hier.

© Berliner Morgenpost 2019 – Alle Rechte vorbehalten.