Schumachers Woche

Brandbeschleuniger des Verbrechens

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Hajo Schumacher

Hajo Schumacher

Foto: Jörg Krauthöfer

In Zeiten des Terrors sollten sich Medienmacher Behutsamkeit auferlegen. Es geht um Eigenverantwortung, sagt Hajo Schumacher.

Der Stadtrat von Leipzig verbot im Januar 1775 den Verkauf eines Goethe-Werks. „Die Leiden des jungen Werther“, so hieß es damals, ermutige labile junge Männer, sich das Leben zu nehmen. Zahlreiche Studien wiesen seither diesen „Werther-Effekt“ nach. Je prominenter das Opfer, je wuchtiger fiel die Berichterstattung darüber aus, je präziser das Beschreiben der Methode, desto deutlicher stieg die Zahl der Nachahmer – ein Konflikt zwischen der Pflicht zum Bericht und den Konsequenzen.

In deutschen Medien herrscht heute weitgehender Konsens, über Suizide möglichst zurückhaltend zu berichten, so wie zum Beispiel im Jahre 2009 im Fall des Fußballtorwarts Robert Enke.

Der Terror unserer Tage, ganz gleich, ob Amoklauf oder IS-Anschlag, ist eine grausame Variante des Suizids. Attentäter nehmen den eigenen Tod in Kauf. Ihr Ziel zuvor ist weniger der Massenmord als vielmehr maximale Aufmerksamkeit. So soll kurzfristig Panik verbreitet und langfristig ein Gemeinwesen destabilisiert werden. Alle Terrorbanden verfolgen das Ziel, Staaten mit Anschlägen in angstgetriebene Anarchie zu stürzen.

Wie viele wütende, labile Menschen mögen in diesen Tagen gebannt die Bilder aus Nizza verfolgen, gleichsam als Motivation für eigene Anschlagsfantasien, womöglich demnächst mit einer Live-Kamera, die das Verbrechen in Echtzeit in alle Welt überträgt? Jeder Bericht, und mag er in bester journalistischer Absicht entstehen, befeuert den globalen Werther-Effekt. Fernsehen und digitale Medien wirken auf eine grausame Weise als Brandbeschleuniger des Terrors.

Keine demokratische Regierung kann Attentatsberichte verbieten. Umso stärker ist die Eigenverantwortung aller Medienmacher gefragt. Jener Konsens der Zurückhaltung, der für Suizide gilt, ist auch für Terrorakte zu etablieren. Es geht nicht um das Einschränken von demokratischen Freiheiten, sondern um freiwillige, reflektierte Behutsamkeit. Sonst wird eine der größten Errungenschaften der modernen Welt, die Pressefreiheit, zur Waffe, die sich gegen sich selbst und ihre Gesellschaften richtet.